Archiv der Kategorie ‘Europa’

Unseren Nachbarn geht es besser ..

Dienstag, 27. März 2012

.. schreibt “Focus Money Online” unter Berufung auf Befunde des Statistischen Bundesamtes zur Armut in Europa. Denn während hierzulande 15,6 Prozent arm sind, sind es zum Beispiel in Tschechien nur 9 Prozent. Der niedrigste Wert in Europa. Glückliches Tschechien!

Oder doch nicht? Denn der Focus-Redakteur hat nicht ein einziges Wort darüber verloren, dass die Einkommensunterschiede zwischen den europäischen Ländern ebenfalls erheblich sind. Luxemburg, die Schweiz und auch Deutschland haben höhere Armutsquoten als Tschechien. Aber geht es den Tschechen deswegen wirklich besser?

Aufschluss über diese Frage ergibt sich, wenn die Armutsgrenze umgerechnet in Dollar zu Kaufkraftparitäten betrachtet wird. Das Durchschnittseinkommen in Tschechien liegt bei 1.221 Dollar. Die Armutsgrenze in Luxemburg, der Schweiz und Deutschland liegt bei 1.878, 1.727 bzw. 1.194 Dollar. Der Luxemburger, Schweizer oder Deutsche, der unter der Armutsgrenze liegt, kann sich mit seinem Einkommen also Waren und Dienstleistungen in einem Umfang kaufen, der in Tschechien nur mit einem Durchschnittseinkommen möglich ist.

Einmal mehr zeigt sich: Die Armutsquote ist ein reines Maß der Einkommensverteilung. Über echte materielle Deprivation sagt sie überhaupt nichts aus. Einigen unserer Nachbarn geht es tatsächlich besser, nämlich Luxemburg oder der Schweiz. Tschechien hingegen nicht - trotz der Armutsquote.

Brüsseler Spitzen

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Dass die EU alles versucht, um ihre bankrotten Mitgliedsstaaten irgendwie vor den harten Wahrheiten der Märkte zu schützen, leuchtet mir ja ein. Selbst wenn es sich um einen so unsinnigen Versuch handelt, über den heute bei “Spiegel Online” berichtet wurde. Da heißt es, dass die Kommssion schlechte Ratings über notleidende Staaten “verbieten” will. Da fragt man sich schon, wie das gehen soll. Ist ja nicht so, dass die EU der Herrscher der Welt ist. Wenn ich ein schlechtes Rating über Griechenland in, sagen wir mal: Kanada publiziere, möchte ich mal sehen, was Brüssel dagegen machen will.

Was aber viel trauriger stimmt, ist die Reflexion dieses Schwachsinns in den Medien, hier vor allem Spiegel Online. Das ganze läuft schon unter der Überschrift “Kampf gegen Spekulanten”. Das ist ja eine ganz neue Erkenntnis, dass Käufer von Staatsanleihen als Spekulanten gelten. Da kann man nur hoffen, dass diese Spekulation ein baldiges Ende hat - dann wird es interessant zu sehen, wo der Finanzminister die Kredite hernehmen will, die er braucht um die Ausgabewünsche der Regierung zu befriedigen.

Womit wir auch beim zweiten Ammenmärchen wären, dass Spiegel Online verbreitet: “Rating-Agenturen stürzen mit ihren Bewertungen ganze Staaten in die Krise, treiben Zinsen in die Höhe”. Die Krise, liebe Spiegel-Redakteure, verursachen doch nicht diejenigen, die auf eine übermäßige Verschuldung hinweisen. Die Krise verursachen diejenigen, die die übermäßige Verschuldung herbeigeführt haben - also genau jene Regierungen, die jetzt auf dem Umweg über die Kommission die Verbreitung unangenehmer Wahrheiten verbieten möchten.

Ohne Zukunft

Freitag, 12. August 2011

“Spiegel Online” mach sich Sorgen um die Zukunft der Jugend in Europa. Mehr als 20 Prozent der 15 bis 24jährigen hätten keinen Job, in Spanien sei sogar fast jeder Zweite arbeitslos. Das klingt in der Tat bedrohlich - stimmt aber gar nicht.

Bezugsgröße für die Jugendarbeitslosenquote ist nämlich nicht die Gesamtzahl der Jugendlichen, sondern die Zahl der Jugendlichen Erwerbspersonen, die sich wiederum aus Erwerbstätigen und Erwerbslosen zusammensetzen. Die Erwerbspersonen beziffern mithin das Arbeitskräfteangebot. Personen, die ihre Arbeitskraft nicht anbieten - zum Beispiel weil sie studieren - sind gar nicht erfasst.

Würde man tatsächlich den Anteil der arbeitslosen Jugendlichen an allen Jugendlichen errechnen, käme man für die Europäische Union nur auf rund 9 Prozent, in Spanien wären es rund 18 Prozent (siehe Tabelle). Das klingt schon weniger aufregend. Und dann hätte Frau El-Sharif von Spiegel Online, die den Artikel verbrochen hat, ja keine Alarmmeldung verbreiten können. Und das wäre doch schade.

Anteil der Arbeitslosen von 15 bis 24 Jahren an allen Personen von 15 bis 24 Jahren

Erwerbslose in Prozent der Bevölkerung

Europäische Union (25 Länder)

9,1%

Belgien

6,0%

Tschechische Republik

5,1%

Dänemark

9,4%

Deutschland

4,8%

Estland

7,8%

Irland

10,7%

Griechenland

11,6%

Spanien

18,4%

Frankreich

8,7%

Italien

8,3%

Zypern

8,2%

Lettland

11,0%

Litauen

10,1%

Luxemburg

4,1%

Ungarn

6,5%

Malta

7,0%

Niederlande

5,4%

Österreich

5,2%

Polen

8,6%

Portugal

10,8%

Slowenien

6,6%

Slowakei

10,1%

Finnland

10,2%

Schweden

12,5%

Vereinigtes Königreich

11,1%

Island

10,9%

Quelle: Eurostat, eigene Berechnungen

Hellas’ Rettung: Der Mindestlohn! In Deutschland!

Dienstag, 9. März 2010

Ein origineller Beitrag zur Rettung Griechenlands aus der fiskalischen Misere kommt von Dirk Hierschel, Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Grund für die Probleme seien - neben bösen Spekulanten - die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Frankreichs. Dagegen hätten Spanier, Italiener und Griechen keine Chance. Die Griechen plagt das Problem, dass ihre Lohnstückkosten weit stärker gestiegen sind als die in Deutschland. Mithin würden griechische Waren immer weniger attraktiv. Schuld seien allerdings nicht die zu hohen Lohnsteigerungen insgesamt, sondern die “Lohnzuwächse weniger Spitzenverdiener”.

Wem diese Analyse irgendwie schräg erscheint, der warte ab, was der Gewerkschaftsökonom als Therapie empfiehlt: Um griechische Waren wieder wettbewerbsfähig zu machen, müssen in Deutschland Löhne und Staatsausgaben steigen. Dann könnten die Griechen auch wieder mehr nach Deutschland exportieren. Nach dieser Logik geht es dem Kranken gleich besser, wenn sein Nachbar auch krank wird. Oder anders: Wir müssen Deutschland nur noch nachhaltiger ruinieren als es die Griechen mit ihrem Land getan haben. Dann sind sie wieder wettbewerbsfähig.

Dann müssen wir ja nur noch den Rest der Welt davon überzeugen, es uns nachzutun und alles ist in Butter.

Wahlzwänge

Freitag, 9. Januar 2009

“Gegen den Wahlzwang” ereiferte sich die Berliner SPD noch vor wenigen Wochen bei der Volksabstimmung über die Initiative “Pro Reli”. Der schleswig-holsteinische SPD-Bundestagsabgeordnete Jörn Thießen sieht das Thema Wahlzwang jedoch viel ungezwungener. Er möchte - vor dem Eindruck der schlechten Wahlbeteiligung bei der Europawahl -  den Bürgern vorschreiben, was sie am Wahlsonntag tun sollen: nämlich wählen gehen, sonst Bußgeld. Die einleuchtende Begründung: Die Politiker im Parlament müssten ja auch abstimmen, also könne man das von Wählern auch erwarten.

Das ist schon schwer glaublich, was manche Abgeordnete so von sich geben. Man kann nur hoffen, dass die Bild-Zeitung den guten Herrn Thießen hier falsch wiedergab. Andernfalls müsste man ja dem Abgeordneten wie einem kleinen Kind erklären, dass es Menschen gibt, die nicht deshalb nicht zur Wahl gehen, weil sie zu faul sind, sondern sich bewußt entschieden haben, nicht zu wählen. Die mit ihrer Nichtwahl eine politische Aussage verbinden. Zum Beispiel, dass sie einem Parlament mit solchen und solchen Abgeordneten mit ihrer Stimme nicht auch noch zu mehr demokratischer Legitimität verhelfen wollen. Oder denen es schlicht an Alternativen fehlt, denen sie ihre Stimme geben möchten. Mal davon abgesehen, dass der Parlamentarier  dafür entlohnt wird, dass er im Parlament abstimmt, während der Wähler nicht nur leer ausgeht, sondern den ganzen Spass auch noch finanzieren darf.