Archiv der Kategorie ‘Arbeitsmarkt’

und der Gewinner ist: der Bund

Donnerstag, 21. November 2013

Nun wird er wohl kommen, der Mindestlohn. Und damit stellt sich die Frage, wer davon profitieren wird. Wahrscheinlich ist, dass die Niedriglohnbezieher es nicht sind. So ist zu erwarten, dass einige von Ihnen künftig ohne Job dastehen werden. Doch selbst wenn jegliche negativen Beschäftigungseffekte beiseite gelassen werden, ist der Gewinner ein ganz Anderer.

Wer gegenwärtig eine Vollzeitbeschäftigung (169 Std./Monat) bei einem Stundenlohn von 6 Euro brutto ausübt, kommt als Alleinstehender auf ein Monatsbrutto von 1.014 Euro, was einem Netto von 795 Euro entspricht. Dank des Erwerbsfreibetrages hat er aber - in Abwesenheit weiterer Einkünfte - Anspruch auf 262 Euro zusätzliches Arbeitslosengeld 2. Im Ergebnis kommt er auf ein verfügbares Einkommen von 1.057 Euro. Nehmen wir nun an, sein Stundenlohn steigt dank des Mindestlohns auf 8,50 Euro. Das Brutto steigt auf 1437 Euro, das Netto auf 1.058 Euro. Allerdings sinkt das Arbeitslosengeld 2 auf einen Restbetrag von 17 Euro - von dem ich mir nicht mal sicher bin, ob er überhaupt ausbezahlt wird. Das verfügbare Einkommen unseres künftigen Mindestlohnempfängers steigt gerade einmal um knapp 20 Euro. Pro Stunde bleiben von der Bruttolohnerhöhung in Höhe von 2,50 netto gerade einmal 11 Cent übrig.

Die Lohnerhöhung wird von einer Reduzierung des Arbeitslosengeldes 2 wieder aufgefressen. Das Geld landet beim Job-Center und vorrangig bei dessen Finanzier, dem Bund. Zahlen müssen - sofern die Beschäftigung nicht sinkt - entweder die Konsumenten über  höhere Preise oder die Unternehmen, indem sie niedrigere Gewinne erzielen. Weniger Unternehmensgewinne bedeuten auch weniger Gewerbesteuern. Das kratzt den aber Bund wenig, denn das trifft ja lediglich die Kommunen.

Leberwurst, beleidigte

Donnerstag, 14. November 2013

Heribert Prantl, Homestory-Spezialist und Kommentator des Qualitätsblatts “Süddeutsche Zeitung” ärgert sich über das Gutachten des Sachverständigenrates. Dieser sprach sich gegen den Mindestlohn aus. Prantl ist anderer Meinung, aber weil ihm inhaltliche Argumente wohl grad nicht eingefallen sind, greift er auf das zurück, was er beherrscht: Beschimpfungen auf Kindergarten-Niveau: Der Rat sei “wichtigtuerisch”, “anmaßend”, “unverschämt” und “naseweis”. Gut, dass wir das einmal geklärt haben.

Das einzige, was man mit viel Wohlwollen inhaltliche Kritik nennen könnte, ist ein aus dem Zusammenhang gerissenes Fragment aus dem Gesetz über die Bildungs eines Sachverständigenrates. Dort steht in §2 im letzten Satz, dass keine Empfehlungen für bestimmte Maßnahmen ausgeprochen werden sollen. Das nimmt Prantl zum Anlass, dem Rat das Recht auf wirtschaftspolitische Empfehlungen im Allgemeinen abzusprechen - jedenfalls wenn es sich um Empfehlungen handelt, die er nicht teilen mag. Was er verschweigt ist der erste Teil des Satzes: “Der Sachverständigenrat soll Fehlentwicklungen und Möglichkeiten zu deren Vermeidung [..] aufzeigen”.

Die Kunst, Widerspüchliches zu produzieren

Samstag, 26. Oktober 2013

.. beherrscht  der “Spiegel” in Perfektion: Wenn der Anteil des Niedriglohnsektors seit 2005 stagniert, warum ist dann Hartz IV (eingeführt 2005) am Anstieg schuld?

Der Spiegel (Ausriss)

AFP: Enten für Anfänger

Mittwoch, 28. August 2013

Eine recht seltsame Meldung kam gestern von der Nachrichtenagentur AFP. Zitiert wurde eine obskure rumänische Zeitung, derzufolge es in Rumänien bereits jetzt mehr Rentner (5,3 Mio.) als “Menschen mit einer bezahlten Arbeit” (4,3 Mio.) gebe. Dass die Demographie in Osteuropa sogar noch problematischer ist als bei uns, ist zwar bekannt. Aber so schlimm? Das kann ja nur das Werk der neoliberalen Weltverschwörung sein:

Der Übergang vom Kommunismus zur Marktwirtschaft kostete Millionen Menschen den Arbeitsplatz. In den beiden Jahren der Rezession in Folge der Finanzkrise, 2009 und 2010, wurden erneut hunderttausende Stellen gestrichen.

Herauszufinden wie es tatsächlich aussieht, hätte den AFP-Redakteur 5 Minuten Recherche gekostet - aber die waren wohl gerade nicht übrig: Laut Eurostat sank die Zahl der Erwerbstätigen in Rumänien von 1997 (älteste verfügbare Daten) bis 2012 gerade einmal von 11,0 auf 9,3 Millionen. Von denen sind 6,3 Millionen Arbeitnehmer. Die Zahl der Rentner ist nicht so leicht herauszubekommen. Aber da es nach Eurostat in Rumänien überhaupt nur 4,5 Millionen Personen im Alter von mehr als 60 Jahren gibt, erscheint es naheliegend, dass mit den Zahlen der rumänischen Zeitung etwas nicht stimmen kann.

Kaum Chancen

Montag, 3. Juni 2013

“Ältere Arbeitslose haben kaum Jobchancen”, titelt “Spiegel Online” und beruft sich auf einen Zeitungsartikel, der Zahlen des Arbeitsministeriums widergibt, die aufgrund einer Anfrage der Grünen ermittelt wurden. In der langen Kette der Informationsweitergabe ist aber wohl einiges verloren gegangen.

Denn das fragliche Programm “Perspektive 50plus”, dessen Daten ausgewertet wurden,  richtet sich keineswegs an ältere Arbeitslose im Allgemeinen, sondern an langzeitarbeitslose ältere Hartz IV-Empfänger. Das hätte man in 3 Minuten auf der Internetseite des Programms herausfinden können - wenn man denn will.

Die Jobchancen der älteren langzeitarbeitslosen Hartz IV-Empfänger sind in der Tat überschaubar. Aber ob das - wie uns Brigitte Pothmer von den Grünen weismachen will - wirklich allein daran liegt, dass Arbeitgeber die Arbeitslosen mutwilig links liegen lassen, erscheint doch fraglich. Über die Gründe, warum die mit dem Programm begründeten Beschäftigungsverhältnisse nicht nachhaltig sind, erfährt der Leser jedenfalls nichts außer substanzlose Vermutungen.

Autistische Redaktion

Donnerstag, 30. Mai 2013

Man muss ja den Eindruck bekommen, dass in der “Spiegel Online”-Redaktion keiner miteinander redet. Wie ist es anders zu erklären, dass SPON so gebetsmühlenhaft wie sachlich falsch immer wieder behauptet, in Südeuropa sei die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos? Und währenddessen weiß Alexander Demling offenkundig als einziger, dass das überhaupt nicht stimmt. Aber anscheinend sagt er’s seinen Kollegen nicht. Warum nur?

Währenddessen entdeckt ein namenloser Redakteur von SPON sogar schon den arbeitslosen Arbeitnehmer(!)

Immer mehr .. Unwahrheiten

Montag, 25. Februar 2013

Die “Saarbrücker Zeitung” mutiert immer mehr zum Zentralorgan der Linkspartei. Die beliebte Masche geht so: Es wird eine vollkommen aus dem Zusammenhang gerissene Zahl aus der Arbeitsmarktstatistik herangezogen, sinnentstellend skandalisiert und mit wohlfeilen Kommentaren von Linkspartei-Politikern versehen - fertig ist der Artikel. Der jüngste Vorfall ist exemplarisch: “Immer mehr” Empfänger von Arbeitslosengeld müssten zusätzlich Arbeitslosengeld II beziehen. Dazu die Linkspartei: Folge des Niedriglohnsektors!

Tatsächlich nimmt der Anteil des Niedriglohnsektors seit 2007 nicht mehr zu, sondern verharrt auf konstantem Niveau. Vor allem aber ist der angebliche steigende Trend bei den Arbeitslosengeld-Aufstockern eine Erfindung der Saarbrücker Zeitung. In Wahrheit liegt die Zahl zwar über der des Vorjahrs, davon abgesehen aber auf dem zweitniedrigsten Stand seit Einführung des Arbeitslosengeldes II. Von steigender Tendenz keine Spur.

Arbeitslosengeld II - Empfänger mit gleichzeitigem Bezug von Arbeitslosengeld (Sept.):
2012: 84.514
2011: 74.273
2010: 88.300
2009: 120.884
2008: 97.374
2007: 101.054
Für die Jahre 2006 und 2005 liegen nur Jahresdurchschnitte vor: 135.791 bzw. 146.815
Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Irrungen und Wirrungen: Was ist ein Niedriglohn?

Dienstag, 31. Juli 2012

Der Niedriglohnsektor wird kontrovers diskutiert. Dabei wird häufig übersehen, dass mitunter ganz unterschiedliche Definitionen des Begriffs Niedriglohn in Gebrauch sind. Daraus erklären sich so einige Ungereimtheiten.

Eine Möglichkeit der Definition, von der das Statistische Bundesamt unlängst Gebrauch gemacht hat, ist die Festlegung einer festen Grenze - im fraglichen Fall von 8,50 Euro brutto pro Stunde. Demnach verdienen 11 Prozent der Beschäftigten unter dieser Grenze. Datenquelle ist die Verdienststrukturerhebung, eine Stichprobe von über 30.000 Betrieben.  Dabei konnte das Bundesamt nur Arbeitnehmer in Betrieben mit 10 und mehr Beschäftigten betrachten - eine nicht ganz unwesentliche Einschränkung.

Eine gebräuchlichere Definition ist, einen Bruttostundenlohn von unter 2/3 des Medianstundenlohns als ein Niedriglohn anzusehen. Diese relative Grenze lag 2010 bei rund 9 Euro brutto pro Stunde, was zu einem Niedriglohnanteil von gut 20 Prozent führt. Diesen Schätzungen liegt das “Sozio-ökonomische Panel” zugrunde, eine jährliche Befragung von rund 20.000 Personen. Grundlage sind alle abhängig Erwerbstätigen (ohne Auszubildende), d.h. einschließlich der Mini-Jobber, die besonders häufig zu einem Niedriglohn arbeiten.

Die gleiche Definition, aber einen völlig anderen Berichtskreis wendet die Bundesagentur für Arbeit an. Sie verwendet als Datenquelle die Beschäftigtenstatistik, ein Register aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Das hat den Vorteil, dass man nicht mit einer Stichprobe rechnen muss. Die Beschäftigtenstatistik hat aber auch gewichtige Nachteile: Erstens umfasst sie nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, also keine Beamte und keine Mini-Jobber. Damit fällt ein wichtiges Niedriglohnsegment vollkommen aus der Betrachtung heraus.

Zweitens werden in der Beschäftigtenstatistik keine Arbeitszeiten erfasst. Die Arbeitgeber, auf deren Meldungen zur Sozialversicherung die Statistik basiert, unterscheiden nur grob zwischen Voll- und Teilzeitbeschäftigten. Mangels Angaben über die Arbeitszeit lassen sich mit der Beschäftigtenstatistik keine Stundenlöhne berechnen. Damit ist sie für Analysen zum Niedriglohnsektor - dessen Definition auf einer Stundenlohngrenze beruht - weitgehend ungeeignet.

Forscher, die dennoch mit der Beschäftigtenstatistik rechnen wollen, behelfen sich mit einem Trick: Sie betrachten nur die Vollzeitbeschäftigten - unter der reichlich gewagten Annahme, dass diese ungefähr die gleichen Arbeitszeiten haben. Wenn man aber nur die sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten betrachtet, beschränkt man seinen Berichtskreis auf ein Segment, in dem typischerweise recht hohe Löhne gezahlt werden.

Dementsprechend hoch ist die Niedriglohngrenze von 2/3 des mittleren Lohns, wobei man sich mangels Informationen zum Stundenlohn auf den Bruttomonatslohn fokussiert. Die liegt nämlich bei 1.802 Euro brutto pro Monat. Da kann man schon mal hinterfragen, ob so ein Lohn noch mit Fug und Recht als Niedriglohn bezeichnet werden kann. Immerhin resultiert daraus bei einer 39-Stunden-Woche ein Stundenlohn von 10,70 Euro!

Entlarvend ist  in diesem Kontext die Ahnungslosigkeit des “Linken-Chefs” Bernd Riexinger, der reflexartig und beflissen über Ausbeutung und Mindestlohn fabulierte. Was er wohl nicht bemerkt hat: Selbst der von den Linken geforderte Mindestlohn von 10 Euro brutto in der Stunde würde nicht reichen, um die von der Bundesagentur nach oben gerechnete Niedriglohnschwelle zu überschreiten.

Immer mehr - oder immer weniger?

Freitag, 8. Juni 2012

“immer mehr Deutsche machen sich selbstständig”, meldet Spiegel Online. Stimmt aber gar nicht. Stattdessen hätte die Meldung lauten müssen: “Spiegel Online recherchiert immer weniger und schreibt immer mehr nur unreflektiert von Anderen ab” (na gut, manchmal wird auch etwas hinzugedichtet).

Denn der fragliche Artikel beruht auf einer Statistik des “Bundesverbandes der freien Berufe”, die Spiegel Online nicht einmal selbst vorliegt, sondern deren Angaben lediglich vom “Handelsblatt” abgeschrieben worden sind. Nun ist diese Verbandsstatistik aber gar keine verlässliche Quelle über die Anzahl der Selbstständigen in Deutschland, sondern lediglich eine Schätzung der Zahl der Freiberufler. Freiberufler sind - das hat sich offensichtlich noch nicht überall herumgesprochen - nur ein Teil der Selbstständigen insgesamt. Wer eine Frittenbude betreibt, ist zwar selbstständig, aber eben nicht als Freiberufler.

Die Zahl der Selbstständigen insgesamt hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Von 2005 bis 2010 gab es eine Steigerung um 179.000. Damit war die Dynamik geringer als bei den abhängig Beschäftigten, deren Zahl erheblich stärker stieg. So sank denn auch der Selbstständigenanteil an allen Erwerbstätigen von 11,2 auf 10,9 Prozent. Und auch der Anteil der Selbstständigen ohne Beschäftigte ging von 6,3 auf 6,1 Prozent zurück.

“Immer weniger Erwerbstätige in Deutschland sind selbstständig”, hätte die Schlagzeile also korrekt lauten müssen. Aber die 5 Minuten Recherche, die erforderlich gewesen wären um das herauszufinden, waren wohl gerade nicht übrig.

In den Fuß geschossen

Mittwoch, 25. April 2012

Das Betreuungsgeld ist eine ganz und gar überflüssige Sozialleistung. Schon der Grundgedanke, dass man Personen, die eine staatliche Leistung nicht in Anspruch nehmen, dafür mittels einer anderen staatlichen Leistung entschädigen müsse, ist abenteuerlich. Für valide halte ich auch den Einwand der Opposition, dass das Betreuungsgeld dazu beitragen wird, bildungsferne Eltern davon abzuhalten, ihren Kindern in der Kita ein Minimum an frühkindlicher Bildung zukommen zu lassen.

Die Entscheidung der Bundesregierung, das Betreuungsgeld - wie andere Einkommen auch - bei der Bemessung des Arbeitslosengeld II-Anspruchs anzurechnen, kommt dem kritischen Einwand der Bildungsverhinderung immerhin etwas entgegen. Zumindest Hartz IV-Empfänger haben somit keinen Anreiz mehr, ihre Kinder zuhause zu “betreuen”, statt ihnen in der Kita zum Beispiel den Erwerb von Kenntnissen der deutschen Sprache zu ermöglichen.

Insofern trägt die Entscheidung zur Anrechnung auf den ALG II-Anspruch den Einwänden der Opposition Rechnung. Da verwundert es schon sehr, wenn das nun plötzlich auch nicht recht ist. Das sei ungerecht, da engagierte, arbeitslose Mütter ohne Kita-Platz leer ausgehen würden, meint etwa die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Die SPD hat sich offenkundig so sehr in die Rolle des Rächers der Enterbten und des Schützers von Witwen und Waisen verrannt, dass man es nicht einmal mehr merkt, wenn man sich die eigenen, durchaus bedenkenswerten Argumente ad absurdum führt.