Archiv der Kategorie ‘Armut’

Schlimm, schlimm

Donnerstag, 4. Juli 2013

Ein Rührstück der ganz besonders abgeschmackten Sorte findet sich heute in der Printausgabe der “Süddeutschen Zeitung” auf Seite 3. Laut Überschrift geht es um Deutschlands Mittelschicht, die zwar nicht arm sei, aber immer ärmer werde. Porträtiert werden vier Familien samt ihren Wünschen, Sorgen und finanziellen Möglichkeiten.

Darunter sind traurige Gestalten wie Reinhard und Jana Schäfertöns. Das Paar mit 3 Kindern hat es schwer getroffen: Man wohnt im spießigen Falkensee, weil man sich den hippen Prenzlauer Berg nicht leisten kann; man muss von Mitte aus eine halbe Stunde mit dem Zug bis nach Brandenburg fahren; das Auto (3 Jahre alter Dacia - welch Zumutung!) wird quasi nicht benutzt, weil das Benzin zu teuer ist; deshalb fährt man das Kind mit dem Fahrrad zur Kita; man muss bei Discountern einkaufen; man muss - ich kann es kaum schreiben, so schmerzhaft ist es - in den Ferien nach Usedom fahren, statt nach Dubai oder Florida; eine kaputte Waschmaschine muss man reparieren lassen (für 300 Euro!), eine neue sei zu teuer; der einzige Luxus, den man sich gönne: dreimal im Jahr ins Konzert gehen; Tickets zu kleineren Reisen muss man zum Sparpreis kaufen.

Man sieht, die Schäfertöns sind vom Schicksal schwer gezeichnet. Das wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, mit welcher Fronarbeit sich der Herr verdingen muss: Er ist Professor und Dekan an der Hochschule für Künste und wird mit lächerlichen 4.916 Euro brutto abgespeist (Schäfertöns: “Eigentlich zu wenig”). Seine Frau verdingt sich als Geigenlehrerin für 800 Euro im Monat - obwohl sie studiert hat! Bei dem resultierenden Nettoeinkommen von rund 4.000 Euro kann man nun wirklich keine großen Sprünge machen, geschweige denn etwas für eine neue Waschmaschine zurücklegen. Gottseidank muss er ja wenigstens dank seiner obszön hohen Beamtenpension an die private Altersvorsorge keinen Gedanken verschwenden. Sonst könnte man ja direkt Mitleid kriegen.

Unseren Nachbarn geht es besser ..

Dienstag, 27. März 2012

.. schreibt “Focus Money Online” unter Berufung auf Befunde des Statistischen Bundesamtes zur Armut in Europa. Denn während hierzulande 15,6 Prozent arm sind, sind es zum Beispiel in Tschechien nur 9 Prozent. Der niedrigste Wert in Europa. Glückliches Tschechien!

Oder doch nicht? Denn der Focus-Redakteur hat nicht ein einziges Wort darüber verloren, dass die Einkommensunterschiede zwischen den europäischen Ländern ebenfalls erheblich sind. Luxemburg, die Schweiz und auch Deutschland haben höhere Armutsquoten als Tschechien. Aber geht es den Tschechen deswegen wirklich besser?

Aufschluss über diese Frage ergibt sich, wenn die Armutsgrenze umgerechnet in Dollar zu Kaufkraftparitäten betrachtet wird. Das Durchschnittseinkommen in Tschechien liegt bei 1.221 Dollar. Die Armutsgrenze in Luxemburg, der Schweiz und Deutschland liegt bei 1.878, 1.727 bzw. 1.194 Dollar. Der Luxemburger, Schweizer oder Deutsche, der unter der Armutsgrenze liegt, kann sich mit seinem Einkommen also Waren und Dienstleistungen in einem Umfang kaufen, der in Tschechien nur mit einem Durchschnittseinkommen möglich ist.

Einmal mehr zeigt sich: Die Armutsquote ist ein reines Maß der Einkommensverteilung. Über echte materielle Deprivation sagt sie überhaupt nichts aus. Einigen unserer Nachbarn geht es tatsächlich besser, nämlich Luxemburg oder der Schweiz. Tschechien hingegen nicht - trotz der Armutsquote.

Armes Europa? Armes Deutschland!

Dienstag, 10. Januar 2012

Deutschlands Arbeitslose sind die ärmsten. Zumindest ist ihre Armutsgefährdungsquote einiges höher als in anderen europäischen Ländern. Davon hat der DGB Wind bekommen und sogleich messerscharf geschlossen, dass es daran liegt, dass die Leistungen für Arbeitslose in Deutschland (zu) niedrig seien und überdies das Arbeitslosengeld nicht lang genug gezahlt wird. Dagegen hilft nur, die Bezugsdauer zu verlängern und natürlich - diese Erkenntnis verdanken wir der knallharten Recherche der “Frankfurter Rundschau” - der Mindestlohn.

Das klingt vielleicht plausibel, ist es aber nicht. Denn internationale Vergleiche zeigen, dass das Absicherungsniveau für Arbeitslose in Deutschland auf recht hohem Niveau liegt. Jedenfalls höher als beispielsweise in Großbritannien, wo gleichwohl die Armutsquote der Arbeitslosen mit 47 Prozent deutlich unter der in Deutschland (70 Prozent) liegt. Es muss also andere Erklärungen geben.

Eine naheliegende Erklärung liegt in der Struktur der Arbeitslosigkeit. In Deutschland ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen mit 47 Prozent wesentlich höher als in anderen europäischen Ländern. Großbritannien - um bei dem Beispiel zu bleiben - kommt nur auf 33 Prozent. Wer aber schon lange arbeitslos ist, der ist in der Regel auf die niedrigeren Leistungen der staatlichen Grundsicherung angewiesen und hat keinen Anspruch mehr auf die höheren Leistungen der Arbeitslosenversicherung.

Eine zweite Erklärung liegt in den unterschiedlichen Haushaltsstrukturen. Als arm gilt, wessen (mit der Haushaltsgröße gewichtetes) Haushaltsnettoeinkommen einen bestimmten Schwellenwert unterschreitet. Für das Haushaltsnettoeinkommen ist aber nicht nur das eigene Einkommen von Belang, sondern auch die Einkommen von Partnern. Deutschlands Arme weisen die Besonderheit auf, dass sie häufiger als ihre europäischen Leidensgenossen keine Partner haben, sondern alleinstehend sind. Während in Deutschland 38 Prozent der Armen Singles sind, beträgt der Anteil in Großbritannien nur 21 Prozent. Daraus lässt sich die These ableiten, dass Arbeitslose in anderen europäischen Ländern dank der Einkommen ihrer Partner über die Armutsschwelle hinwegkommen, während deutschen Arbeitslosen dieser Partner fehlt.

Die von der Gewerkschaft vorgeschlagene Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes wäre so ziemlich das Schlimmste, was man machen könnte. Schon seit Jahrzehnten weiß die Arbeitsmarktforschung, dass eine lange Bezugsdauer von Leistungen eine Verlängerung der individuellen Dauer der Arbeitslosigkeit bewirkt. Der Langzeitarbeitslosigkeit wird somit Vorschub geleistet und damit jedes Problem befeuert, aufgrund dessen die Maßnahme eigentlich ergriffen worden ist.

Armut trotz Aufschwung?

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Die Horrormeldung der Woche: Die Armut in Deutschland bleibt konstant! Ein schwerer Schlag für jeden sozial denkenden Menschen. Dabei hätte doch die Armut in der guten Konjunktur der letzten Jahre zurückgehen müssen, meint der Paritätische Wohlfahrtsverband. Offenkundig bedürfe es mehr Umverteilung.

Klingt logisch - ist es aber nicht. Armut in Deutschland ist ein reines Verteilungsmaß, das nichts mit existenziellen Notlagen zu tun haben muss.  Daher muss ein konjnktureller Aufschwung auch keineswegs zu einer Reduzierung der Armutsquote führen.

Würden alle Haushalte in Deutschland ihr Nettoeinkommen verdoppeln, würde sich an der Armutsquote gar nichts ändern. Die Armut geht erst dann zurück, wenn die unteren Einkommensschichten überproportional von Einkommenszuwächsen profitieren. Das war nicht der Fall. Ebensowenig wie die oberen Einkommensschichten überproportional profitiert haben, denn die Armutsquote ist seit 2005 weitgehend konstant.

Was ja auch eine Meldung wäre: Die befürchtete soziale Spaltung im Zuge der Agenda 2010 ist ausgeblieben. Aber daran ist ja kein Wohlfahrtsverband interessiert.

Sozialverband will Armut ausweiten

Dienstag, 1. Dezember 2009

Der Sozialverband “VdK” fürchtet zunehmende Armut. Schon 2007 sei jeder 10. Bundesbürger auf die soziale Grundsicherung angewiesen gewesen. Und 2007 sei ein wirtschaftlich gutes Jahr gewesen. Für die nächsten Jahre seien höhere Zahlen zu erwarten.

Die Befürchtung ist nicht unberechtigt. Denn das Ausmaß von Armut korreliert stark mit dem Stand der Arbeitslosigkeit. Wenn im Zuge der Wirtschaftskrise die Arbeitslosenzahlen steigen - für 2010 wird ein Anstieg um 500.000 bis 600.000 prognostiziert - dann wird auch die Zahl der Armen zunehmen (was stark damit zusammenhängt, wie wir Armut messen - aber dies ist ein anderes Thema).

Der Sozialverband empfiehlt nun als Therapie für die soeben diagnostizierte Pest eine Infektion mit Cholera. Die Verbandspräsidentin Ulrike Mascher fordert eine Erhöhung des ALGII-Regelsatzes von 359 auf 420 Euro. Diese Erhöhung um 17 Prozent, von der Erwerbstätige nur träumen können, wird jedoch zu einer Erhöhung der Zahl der ALGII-Empfänger führen - selbst wenn sich dadurch das Verhalten der Menschen nichts ändern sollte.

Mit dem gegenwärtigen Regelsatz hat zum Beispiel eine Alleinerziehende mit einem Kind unter 7 Jahren noch bis zu einem Bruttomonatseinkommen von 1.800 Euro einen Anspruch auf ergänzendes ALGII. Wird der Regelsatz auf 420 Euro erhöht, verschiebt sich die Grenze auf 2.100 Euro brutto. Der Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert sich um jene Alleinerziehenden, die zwischen 1.800 und 2.100 Euro verdienen. Hinzu kommt, dass es einige mit dem höheren Regelsatz weniger attraktiv finden werden, eine Beschäftigung aufzunehmen.

Im Ergebnis führt die Regelsatzerhöhung also zu einer Erhöhung der Fallzahlen. Was heißt das für den VdK? Richtig, er kann dann umso eindringlicher davor warnen, dass sich die Abhängigkeit von Transfers immer mehr ausbreite. Und Forderungen nach einer Erhöhung des Regelsatzes stellen usw usw. Ein sich selbst ernährendes Sozialproblem.

Armut überall

Dienstag, 19. Mai 2009

Jetzt wird es so richtig dramatisch. “Dem Osten geht es schlecht“, schreibt der “tagesblick” über die regionale Verteilung der Armut, zu der der Paritätische Wohlfahrtsverband unlängst eine Studie veröffentlichte. Aber, oh weh, auch links der Zonengrenze sieht es nicht besser aus: “Der Westen rutscht ab“, titelt die Berliner Morgenpost. Armut, wo man nur hinsieht.

Schon ein seltsamer Befund, vor allem wenn man sich vergegenwärtigt, wie Armut berechnet wird. Als arm (eigentlich: armutsgefährdet) gilt nämlich, wer ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens hat. Irgendwie klar, dass es welche geben muss, die auch unterhalb des Durchschnitts liegen. Es sei denn, alle verdienen gleich viel. Dann liegt die Armutsquote bei null.

Bezeichnenderweise ist es dabei vollkommen unerheblich, wie hoch das Durchschnittseinkommen ist. Wenn alle Deutschen nur über 500 Euro Einkommen verfügen würden, wäre die Armut dennoch null. Würden 51 Prozent der Deutschen 10.000 Euro verdienen und die restlichen 49 Prozent 5.000 Euro, läge die Armutsquote bei 49 Prozent. Die Armutsquote ist ausschließlich ein Maß der Einkommensverteilung. Eine niedrige Armut besagt nur, dass sich die Einkommen nicht sehr stark voneinander unterscheiden. Ob es dem Einzelnen dabei gut geht, ob er genug zu essen hat oder ein Dach über dem Kopf, ob er Chancen hat, in der Einkommenshierarchie aufzusteigen - all das bildet die Armutsquote nicht ab.

Und noch etwas kann die Armutsquote in der vom Paritätischen Wohlfahrtsverbans vorgenommenen regionalen Betrachtung nicht berücksichtigen: dass 1.000 Euro in Stuttgart etwas ganz anderes sind als 1.000 Euro in Anklam. Schon die Miete für ansonsten gleichen Wohnraum dürfte sich erheblich unterscheiden.

Selbstmord aus Angst vor dem Tod

Montag, 18. Mai 2009

.. empfiehlt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DBG). Da stellt ein “Netzwerk für eine gerechte Rente” in einer Studie fest, dass die Altersarmut in Zukunft steigen könne. Netzwerk Rente? Wer ist denn das?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Paritätische Gesamtverband, der Sozialverband VdK Deutschland, der Sozialverband Deutschland, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands, der Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen, der Deutsche Frauenrat, der Seniorenverband – Bund der Ruhestandsbeamten, Rentner und Hinterbliebenen, der Jahresringe Gesamtverband e.V. und die Volkssolidarität Bundesverband e.V. haben sich zu einem Netzwerk für eine gerechte Rente zusammengefunden.

Ach so.

Also der DGB im Verein mit der Rentnerlobby lässt in einer Studie feststellen, dass die Altersarmut zukünftig steigen könne. Man muss halt schonmal potentielle soziale Problemlagen in der Zukunft thematisieren, wenn es aktuell keine gibt. Denn die Armutsquote der Rentner liegt gegenwärtig genau auf dem Wert für die Gesamtbevölkerung. Aber weil es halt viele Arbeitslose gibt, die zukünftig in Rente gehen werden, könnten es ja auch mehr Arme werden.

Das trifft zweifellos zu. Die Frage ist, wie man dem Problem - das ja erst in Zukunft virulent wird - schon jetzt begegnen kann. Die Antwort des DGB: Die Rente mit 67 abschaffen! Weil ältere Arbeitslose ohnehin keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten, so die DGB-Argumentation, würde ein späterer Rentenbeginn nur in längerer Arbeitslosigkeit und daher niedrigerer Rente resultieren. Geniale Idee! Aber warum gehen wir nicht gleich alle schon mit 50 in Rente? Oder mit 40? Dann wäre das Risiko, vor Renteneintritt arbeitslos zu werden, ja nochmal viel geringer!

Wie so häufig “vergisst” der DGB, dass irgendjemand die Rechnung bezahlen muss. Nicht einmal Gewerkschaftsfunktionäre können die Augen davor verschließen, dass künftig weniger Erwerbstätige mehr Rentner versorgen müssen. Wenn man ständig Leistungen einfordert, die zu einer Erhöhung der Kosten für die Rente führen, belastet man damit die Beitragszahler. Die haben deshalb weniger Spielraum, selbst für ihre eigene Rente zusätzlich privat vorzusorgen. Denn von der gesetzlichen Rente ist für die Generation der unter 40-jährigen nichts zu erwarten.

Somit führen die sozialen Wohltaten des DGB, die ein noch nicht einmal existentes Problem bekämpfen sollen, ihrerseits dazu, dass sich das Problem künftig deutlich verschärft. Statt aus Angst vor künftiger Armut der Alten jetzt das Geld zu verpulvern, dass später zur Vermeidung der Armut gebraucht würde, sollte man vielleicht besser an die Ursachen gehen. An der Demographie lässt sich nichts mehr ändern. Aber es ist ja nicht in Stein gemeisselt, dass Ältere auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben. Der Verzicht auf finanzielle Anreize zur Frühverrentung oder auf Senioritätsentlohnung könnte bereits dazu beitragen, die Erwerbstätigkeit Älterer zu erhöhen.

Das Grüne Progressivmodell: Richtig gedacht - schlecht gemacht

Freitag, 4. Juli 2008

Es ist empirisch gut belegt, dass das Arbeitslosigkeitsproblem in Deutschland in wesentlichen Teilen auf die Arbeitsmarktprobleme der Geringqualifizierten zurückgeht. Deren Arbeitslosenquote ist mehr als doppelt so hoch wie die Quote der Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung und mehr als sechsmal so hoch wie die Quote der Akademiker. Das Problem ensteht unter anderem dadurch, dass Menschen mit geringen Qualifikationen nur geringe Löhne erzielen können, weil sie nur wenig zur Wertschöpfung des Betriebes beitragen können. Niedrige Löhne aber machen Arbeit im Vergleich zum Bezug von Transferleistungen wenig attraktiv.

Während die Gewerkschaften als Lösung vorschlagen, kurzerhand die Löhne zu erhöhen, denken die Grünen schon ein Schritt weiter. Sie haben erkannt, dass zwischen Arbeitskosten und Nettoeinkommen der Abgabenkeil liegt. Wenn es gelingt, diesen zu reduzieren, sinken die Arbeitskosten und es kann mehr Beschäftigung entstehen. Gleichzeitig steigt der Anreiz für Arbeitnehmer, eine (brutto) niedrig bezahlte Beschäftigung aufzunehmen. Soweit, so gut.

Die Frage lautet mithin, wie der Abgabenkeil reduziert werden kann. Die Senkung von Steuern bringt in dem anvisierten Segment der Niedrigproduktiven nichts, da bei niedrigen Einkommen keine oder nur wenig Steuern anfallen. Aussichtsreicher erschient eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge, die schon Bruttoeinkommen jenseits von 800 Euro mit dem vollen Satz von rund 40 Prozent belasten.

Das Dilemma der Grünen ist nun, dass die Sozialversicherungsbeiträge weitgehend äquivalent zu den Leistungen sind. Das heißt, wer den Beitrag für Geringverdiener reduziert, der streicht damit auch ihre sozialen Leistungen zusammen. Das wollen die Grünen natürlich nicht, sie wollen vielmehr umverteilen. Als Lösung präsentieren sie das “Progressivmodell“.

Demnach sollen die Sozialversicherungsbeiträge wie die Steuer kontinuierlich ansteigen, statt beim Überschreiten der Geringfügigkeitsgrenze teilweise und nach Verlassen der Midi-Job-Zone bei 800 Euro brutto voll wirksam zu werden. In diesem Zuge werden auch gleich die Mini- (und Midi-) Jobs abgeschafft, jeder Beschäftigte würde sozialversicherungspflichtig. Die verringerten Beiträge sollen nicht zu verminderten Leistungen führen, vielmehr sollen die Einnahmeausfälle der Sozialversicherung durch Steuermittel kompensiert werden. Leider ist ein solches Modell weder effektiv noch effizient:

  1. Da der Haushaltskontext bei der Subventionierung der Sozialversicherungsbeiträge keine Rolle spielt, kann gar nicht sichergestellt werden, dass die Empfänger dieser Subvention arm sind.
  2. Es werden erhebliche Fehlanreize produziert. So wäre es im Progressivmodell möglich, mit einer minimalen (Schein-)Beschäftigung gesetzlichen Krankenversicherungsschutz für einen Mini-Beitrag zu erlangen. Es wäre z.B. für Selbstständige finanziell attraktiv, eine abhängige Beschäftigung in geringem Umfang aufzunehmen, um die teure private Absicherung einzusparen.
  3. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass die positiven Beschäftigungseffekte der Beitragsatzsubvention in der Sozialversicherung durch die negativen Beschäftigungseffekte der notwendigen Steuerfinanzierung kompensiert werden. Das Vorzeichen des Gesamteffektes ist fraglich.
  4. Der ohnehin nicht übermäßig ausgeprägte Versicherungscharakter der Sozialversicherung würde weiter geschwächt, da Beitrag und Leistung nicht mehr äquivalent gegenüberstehen. Dadurch erhält die Sozialversicherung den Charakter einer Steuer.
  5. Das eigentliche Ziel - die finanzielle Besserstellung von Geringverdienern - wird in den meisten Fällen nicht erreicht. Soweit die Geringverdiener nämlich ergänzend Arbeitslosengeld II beziehen, wird ihnen der Zuschuss des Progressivmodells in gleichem Umfang vom ergänzenden ALG II wieder abgezogen. Geringverdiener werden nur gefördert, wenn sie nicht bedürftig sind, z.B. weil sie Partner mit hohen Einkommen oder Vermögen haben. Damit bleibt absurderweise die eigentliche Zielgruppe außen vor.

Es ist ja erfreulich, dass die Grünen erkannt haben, dass die Höhe der Sozialversicherungsbeiträge zu Beschäftigungsproblemen führt. Der einzig gangbare Weg ist dann aber, Beiträge und Leistungen der Sozialversicherung ausgewogen und für alle Versicherten neu zu definieren. Die Umverteilung und Subventionierung durch Steuermittel ist keine Lösung.

Das Internet und die armen Kinder

Sonntag, 29. Juni 2008

Die “digitale Spaltung” der Gesellschaft ist längst Realität, so lautet eine These eines Artikels von Kurt Sagatz im “Tagesspiegel”. Menschen mit höherem Einkommen seien häufiger online als solche mit niedrigem Einkommen. Da zeige sich eine “strukturelle Benachteiligung”, insbesondere bei Kindern. Internetzugang bedeute Chancengleichheit. Arme Kinder ohne Internet bleiben dumm und damit auch arm, so etwa die Argumentation.

Um dem Missstand abzuhelfen, sollen Kindergärten, Jugendhilfe und Schulen Zugang zu “digitalen Medien” ermöglichen, wofür man - klar - finanzielle Förderung benötige.

Dass der finanzielle Aspekt aber gar nicht das Entscheidende ist, wird in dem Artikel auch gesagt, man muss es aber zwischen den Zeilen lesen. Zwischen der ganzen Benachteiligungsrhetorik findet sich die Information, dass Hauptschüler seltener als Gymnasiasten einen PC besitzen, dafür aber häufiger Spielkonsolen. Nun kostet eine Spielkonsole rund 200 bis 400 Euro. Dazu kommt das Geld für Spiele, die wohl auch nicht ganz billig sind. Einen internetfähigen PC bekommt man bei ebay auch für 200 Euro, für 400 Euro kriegt man schon etwas Ordentliches. Als Software kann man ein kostenloses Linux einsetzen und der DSL-Anschluss kostet auch nicht mehr die Welt. Insgesamt betrachtet dürfte Internet kaum teurer sein als eine Spielkonsole, was man auch schon daran merkt, wie viele Hartz IV-Empfänger sich im Internet bewegen.

Mehr Geld wird also kaum etwas bringen. Der Grund für Hauptschüler, lieber Playstation zu spielen statt im Internet zu surfen, dürfte eher an mangelndem Interesse liegen. Dieses Interesse weckt man aber nicht damit, den Kindern und Jugendlichen einen staatlich subventionierten PC hinzustellen. Und ich habe auch größte Zweifel, ob es etwas bringt, wenn Medienpädagogen versuchen, den Kindern den verantwortlichen Umgang mit dem Internet beizubringen.

Interesse am Internet als Informationsmedium entsteht nur, wenn überhaupt ein Interesse an den Informationen besteht, die es im Internet, aber in ähnlicher Form auch anderswo gibt. Wer sich nicht für Nachrichten interessiert, dessen Interessenlage ändert sich nicht, nur weil er die Nachrichten jetzt auch im Internet lesen kann. Und wer ein neues Interesse an Nachrichten entwickelt, der wird im Internet auch ohne medienpädagogische Begleitung schnell fündig. Persistente Armut ist ein Problem der Bildungsarmut. Am fehlenden Internet liegt es sicher nicht.

Die “Frankfurter Rundschau” und die Arbeitslosenzahlen - kein Traumpaar

Dienstag, 17. Juni 2008

Latrinenparolen verbreitet zur Zeit die Frankfurter Rundschau. In diesem Artikel behauptet Marcus Sievers, dass “nach FR-Informationen” die Zahl der Arbeitslosen über 55 Jahren im Januar bei knapp 680.000 gelegen habe. Dies sei ein Anstieg um fast 170.000 oder einem Drittel in einem Zeitraum von drei Jahren. Passend dazu werden Untersuchungen des DGB zitiert, derzufolge die Altersarmut steige. Und Sievers vergisst auch nicht zu erwähnen, dass auch die Linke wegen der Verarmung der Älteren “Alarm schlägt”.

Da fragt man sich, wo die “FR-Informationen” denn her kommen. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit sehen jedenfalls ganz anders aus. Demzufolge gab es im Januar nicht 680.000, sondern nur 430.000 Arbeitslose über 55 Jahren. Und deren Zahl steigt nicht an, sondern fällt rapide: Im Januar 2007 waren es 546.000; im Januar 2006 620.000 und im Januar 2005 559.000. Innerhalb von drei Jahren ist die Arbeitslosigkeit der Älteren also nicht um ein Drittel gestiegen, sondern um 23 Prozent gesunken. Und im Jahr 2007 stieg sie nicht um 44.000 an, wie die FR behauptet, sondern fiel um 118.000.

Somit sinkt die Arbeitslosigkeit der Älteren sogar noch schneller als die der jüngeren Altersgruppen. Und dass das Armutsrisiko sowohl der 50-64-jährigen wie auch der über 64-jährigen geringer ist als das Risiko jüngerer Altersgruppen, lässt sich - wenn man es denn wissen will - aus dem 3. Armutsbericht der Bundesregierung unschwer ablesen.