Archiv der Kategorie ‘Armut’

Die Armut der “Süddeutschen Zeitung”

Dienstag, 20. Mai 2008

Und noch einmal geht es um den Armutsbericht der Bundesregierung. Eigentlich nicht um den Bericht selbst, sondern die tendenziöse Berichterstattung darüber in der Süddeutschen Zeitung, die sich hart an der Grenze zur Desinformation bewegt.

So versucht Silke Lode in der Printausgabe vom 20.5. auf Seite 2 der Frage nachzugehen, warum denn die Zahl der Bedürftigen steige, wo doch die Arbeitslosigkeit sinkt - findet aber keine Antwort. Kein Wunder, denn erstens hat sich der Anteil der Armen seit dem letzten Armutsbericht gar nicht nennenswert geändert. Von “mehr Bedürftigen”, wie es im Untertitel heißt, kann gar keine Rede sein. Hier ist die Süddeutsche Opfer ihrer eigenen Propaganda geworden. Zweitens spiegelt der Armutsbericht den Datenstand 2005 wieder. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit setzte aber erst mit dem Jahresbeginn 2006 ein. Da Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko Nr. 1 ist, wird mit sinkender Arbeitslosigkeit auch die Armut abnehmen. Das sieht man dann aber erst im nächsten Armutsbericht. Es wird mithin ein Phänomen zu erklären versucht, das es gar nicht gibt.

Merkwürdig auch der Fall einer Alleinerziehenden, die auf der gleichen Seite portätiert wird und angeblich mit 600 Euro im Monat auskommen muss - nach Abzug der Miete (!). Merkwürdig deshalb, weil allein die Summe der Regelsätze des Arbeitslosengeldes II 680 Euro beträgt, nämlich 347 Euro für den Haushaltsvorstand, 207 Euro für das Kind und 125 Euro Mehrbedarfszuschlag für Alleinerziehende. Zusätzlich zu diesen Regelsätzen übernimmt die Hartz IV-Behörde die Kosten der Unterkunft. Dazu kommt, dass sie erwerbstätig ist und Anspruch auf den Erwerbsfreibetrag von maximal 310 Euro hat. Man kann der Betreffenden nur empfehlen, gegebenenfalls mit einem Anwalt zur Arge zu marschieren, hier stimmt offenkundig etwas nicht.

Der Verwirrung zum Opfer gefallen ist wohl auch Heribert Prantl, der in seinem Kommentar einerseits zwar richtig feststellt, dass Armut in Deutschland nicht materiell, sondern relativ ist. Exklusion heißt hierzulande nicht, hungern oder frieren zu müssen, sondern sich anders als die Freunde kein neues Handy leisten zu können. Andererseits aber beklagt er sich, dass “viele Leute ein schlechtes Leben führen”. Das mag ja so sein, ich bin aber nicht davon überzeugt, dass dies eine Frage von Armut oder Reichtum ist. Und schon gar nicht bin ich davon überzeugt, dass die Lösung in der Einführung von Vermögen- und Erbschaftssteuer liegt. Würde Herr Prantl doch nur zur Kenntnis nehmen, was er selbst schreibt: “Eine gute Sozialpolitik [..] zielt auf den Abbau der strukturellen Ursachen für [..] Armut”. Was darunter zu verstehen ist, kann er hier mal nachlesen.

Die Armut des Olaf Scholz

Montag, 19. Mai 2008

Heute will das Bundesministerium für Arbeit den Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vorstellen. Den letzten Bericht gab es im Jahr 2005 mit dem Datenstand 2003. Insofern wird der Bericht empirische Lücken füllen, was grundsätzlich eine gute Sache ist. Der Arbeitsminister mochte indes nicht die Gelegenheit versäumen, mit einer vorzeitigen Veröffentlichung einiger Ergebnisse im Rahmen eines Interviews für die “Bild am Sonntag” gleich noch ein paar Schlagzeilen abzuräumen und den Kampf um die Deutungshoheit über die Ergebnisse mit einem Vorsprung zu beginnen.

Dabei ergeben sich aber mehr Fragen, als Olaf Scholz eigentlich beantwortet hatte. Zum Beispiel die, warum er denn einen Mindestlohn für erforderlich hält, wenn doch das größte Armutsrisiko bei den Langzeitarbeitslosen und den Alleinerziehenden (die vermutlich auch zum größten Teil nicht erwerbstätig sind) liegt. Und wo er doch selbst sagt, dass bei Erwerbstätigen das Armutsrisiko drastisch sinkt. Ist das nicht ein deutlicher Hinweis darauf, dass Arbeitslosigkeit und nicht niedrige Löhne das größte Armutsrisiko dastellt? Das war jedenfall ein wichtiges Ergebnis des Armutsberichtes 2005. Und hilft in einer solchen Problemlage der Mindestlohn? Wohl kaum.

Seltsam auch dies: Dank der Sozialleistungen wie Kindergeld, Arbeitslosengeld II oder Wohngeld werde die Armut von 26 auf 13 Prozent gedrückt. Der Sozialstaat wirke, folgert das Arbeitsministerium. Hat der Arbeitsminister eigentlich mal ausrechnen lassen, wie viele Arbeitnehmer aufgrund der Soziallleistungen, die sie mit ihren Steuern und Abgaben finanzieren müssen, überhaupt erst in Armut gerutscht sind? Vielen Arbeitnehmern würde ihr Bruttolohn zum Überschreiten der Armutsgrenze reichen, wenn sie nicht so hohe Sozialabgaben zahlen müssten. Das lässt sich an einfachen Beispielen zeigen. So hat ein Alleinstehender mit einem Bruttolohn von 900 Euro im Monat eigentlich ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze von 781 Euro. Erst die Tatsache, dass er 185 Euro Sozialabgaben zahlen muss, macht ihn zum Armutsfall. Der Sozialstaat wirkt - aber wie?

Zugegebenermaßen sind die Interpretationen und Forderungen Anderer teils noch abwegiger als die des Arbeitsministers. So will SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach höhere Steuern für Reiche. Als wenn das den Armen helfen würde. Den Vogel schießt wieder mal die Linke ab. Deren stellvertretender Parteichef Ernst warf der SPD vor, dass sich in ihrer Regierungszeit die Zahl der Millionäre verdoppelt habe. Nein, welch Skandal! Da ereifert sich die Neidgesellschaft mit Schaum vor dem Munde, dass einige - verdient oder unverdient - Glück im Leben hatten.

Ach ja, die Deutung der Medien ist mitunter auch nicht gerade unproblematisch: “Alarmierender Armutsbericht” titelt etwa n-tv, obwohl sich seit 2003 der Anteil der Armen so gut wie gar nicht verändert hat.

Weg ist sie, die Mittelschicht

Montag, 5. Mai 2008

“Die deutsche Mittelschicht droht wegzubrechen”, titelt heute die “Welt”. Berufen wird sich auf eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die zwar der “Welt”, nicht aber dem interessierten Leser vorliegt. Nun hat sich McKinsey bislang nicht gerade mit Analysen zur horizontalen Verteilungsgerechtigkeit hervorgetan. Und ein Blick auf die Zusammenfassung der Studie lässt ahnen, dass dies kein Zufall ist.

Denn untersucht werden von den Unternehmensberatern zwei Szenarien zur zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung. Das können sie bestimmt nicht schlechter (oder besser) als andere. Allerdings: Aus Aussagen über künftige Wachstumsraten lassen sich a priori keinerlei Schlussfolgerungen über die Verteilung und Umverteilung ziehen. Die “Mittelschicht” ist allein aus der relativen Einkommensposition heraus definiert. Das heißt, ob sie schrumpft oder wächst ist von der Verteilung der Einkommen, nicht aber von der durchschnittlichen Entwicklung aller Einkommen abhängig. Die Mittelschicht kann auch in Ländern wie Simbabwe wachsen: wenn alle gleich wenig haben, ist der Anteil der Mittelschicht 100 Prozent.

Die Warnung vor der wegbrechenden Mittelschicht angesichts ungenügenden Wirtschaftswachstums erschiene allenfalls dann sinnvoll, wenn ein positiver Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umverteilung bestünde; wenn also die These “Mehr Einkommen bedeutet gleichere Verteilung der Einkommen” stimmen würde. Das dürfte kaum der Fall sein. Plausibel erscheint eher das Gegenteil: Je mehr Umverteilung betrieben wird, desto gleicher sind zwar die Einkommen verteilt, aber desto kleiner ist aber auch der Kuchen, der verteilt werden kann.

Der böse Niedriglohnsektor

Montag, 21. April 2008

Fast ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland arbeiten im Niedriglohnsektor, so lautet das Ergebnis einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ). Das sei, so beeilte sich der DGB zu erklären, “besorgniserregend” und ein Signal für Mindestlöhne “auf breiter Front”. Die Ursache, so das DGB-Vorstandsmitglied Buntenbach, sei die “Geiz-ist-geil”-Mentalität in der Wirtschaft und die Hartz-Gesetze.

Da hat Frau Buntenbach wohl einiges nicht mitbekommen. Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist weniger in der Wirtschaft als vielmehr bei den Verbrauchern zu suchen. Überhaupt verstehe ich nicht, was daran zu kritisieren ist, wenn Individuen oder Unternehmen sich vollkommen rational verhalten und stets das günstigste kaufen. Das ist doch überhaupt die Grundlage der Marktwirtschaft. Ohne diese Rationalität gäbe es keine Innovationen, keinen Fortschritt und keinen steigenden Wohlstand. Wer die “Mentalität” der Menschen kritisiert, zeigt nur, dass er nicht in der Lage ist, die souveränen Entscheidungen mündiger Bürger zu akzeptieren. Er zeigt damit, dass er den Menschen gerne vorschreiben möchte, was sie gut zu finden haben.

Wie dem auch sei, die Höhe des Anteils der Niedriglohnbeschäftigung sollte man ohnehin nicht überinterpretieren. Jedenfalls nicht, ohne vorher zu schauen, was denn als Niedriglohnbeschäftigung definiert ist. In Westdeutschland ist das in der fraglichen Studie ein Bruttostundenlohn von knapp 10 Euro. Persönlich habe ich eine andere Auffassung von Niedriglohn, aber gut - da denkt ja auch jeder anders.

Dass die Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland gestiegen ist, kann wohl kaum in Abrede gestellt werden. Das haben auch schon andere Untersuchungen zu dem Thema ergeben. Berücksichtigt werde muss dann aber auch, dass die Beschäftigung in Deutschland gestiegen ist. In den letzten 10 Jahren sind hierzulande 2,8 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden. Darunter sind eben auch viele, die nicht besonders gut bezahlt werden. Das ist nicht zwingend eine schlechte Nachricht, eigentlich ist es ein beschäftigungspolitischer Erfolg. Es ist gelungen, niedrigproduktive Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Je mehr die Hartz IV-Arbeitslosigkeit sinkt, desto größer wird der Anteil des Niedriglohnsektors.

Das ist aber allemal besser als eine gleichbleibend hohe Arbeitslosigkeit. Die Gewerkschaft möchte gern alles auf einmal: sinkende Arbeitslosigkeit und hohe Löhne. Dabei ist es offenkundig, dass ein Arbeitnehmer nur so viel verdienen kann, wie er dem Unternehmen mit seiner Arbeit einbringt. Daran wird auch ein gesetzlicher Mindestlohn nichts ändern.

Bundesregierung will Kindergeldzuschlag ausweiten

Donnerstag, 20. März 2008

Die Bundesregierung plant, den Zuschlag zum Kindergeld für Geringverdiener auszuweiten. Es sollen mehr Haushalte als bisher in den Genuss dieser Leistung kommen können. Fraglich ist nicht nur, ob der Plan der Bundesregierung aufgeht, sondern auch, ob er überhaupt sinnvoll ist.

Der Kindergeldzuschlag nach §6a Bundeskindergeldgesetz ist eine komplizierte Angelegenheit. Voraussetzung für einen Anspruch ist das Überschreiten einer Mindesteinkommensgrenze, das Unterschreiten einer Höchsteinkommensgrenze sowie die Forderung, dass durch den Kindergeldzuschlag Bedürftigkeit nach Hartz IV vermieden wird. Erschwert wird die Sache durch die unpräzise und für Laien nahezu undurchschaubare Festlegung der Einkommensgrenzen. Eine Kostprobe:

Der Kinderzuschlag wird, soweit die Voraussetzungen des Absatzes 3 nicht vorliegen, in voller Höhe gezahlt, wenn das nach den §§ 11 und 12 des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch mit Ausnahme des Wohngeldes zu berücksichtigende elterliche Einkommen oder Vermögen einen Betrag in Höhe des ohne Berücksichtigung von Kindern jeweils maßgebenden Arbeitslosengeldes II nach § 19 Satz 1 Nr. 1 des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch oder des Sozialgeldes nach § 28 Abs. 1 des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch nicht übersteigt.

Alles klar? Die absurd komplizierte Regelung verursacht immense Bürokratie. Um einen Antrag auf Kindergeldzuschlag zu bearbeiten, muss die Familienkasse einen kompletten, hypothetischen Hartz IV-Antrag durchrechnen. In den meisten Fällen ist außerdem die zusätzliche Beantragung von Wohngeld erforderlich, die komplizierter ist als eine Steuererklärung. Schon allein die bürokratischen Anforderungen dürften verhindern, dass der Kreis der erfolgreichen Antragsteller allzu groß wird.

Die Bundesregierung möchte nun, dass mehr Menschen Kindergeldzuschlag erhalten können. Dafür soll unter anderem die Mindesteinkommensgrenze, die sich bislang mehr oder weniger kompliziert errechnete, auf 600 Euro für Alleinerziehende und 900 Euro für Paare festgelegt werden.

Eine Alleinerziehende mit einem Kind unter 7 Jahren könnte also folgendes Einkommen erreichen:
Bruttoeinkommen: 600 Euro, entspricht 496 Euro netto;
Kindergeld: 154 Euro;
Kindergeldzuschlag: 140 Euro;
Wohngeld: 206 Euro (bei 300 Euro Miete)

Macht zusammen knapp 1.000 Euro und damit ein paar Euro mehr als ihr Bedarf. Mit dem Nettoeinkommen und ergänzendem Arbeitslosengeld II würde sie dank des Erwerbsfreibetrages aber auf ein verfügbares Einkommen von knapp 1.200 Euro kommen. Kein gutes Geschäft.

Nicht nur aufgrund solcher Merkwürdigkeiten ist der Kindergeldzuschlag mehr als fragwürdig. Schon die zugrunde liegende Absicht erscheint abwegig: Da ersetzt man Transfer A (ergänzendes Arbeitslosengeld II) durch den allenfalls geringfügig höheren Transfer B (Kindergeldzuschlag) und klopft sich wie ein Gorilla auf die Brust, weil man “Kinder aus dem Arbeitslosengeld herausholt“. Anstatt dem Anreizsystem des ergänzenden ALG II mit einem zusätzlichen Transfer ins Handwerk zu pfuschen, hätte man mit dem Geld, was durch den Kindergeldzuschlag und seine Bürokratielast verbraten wird, lieber die Aktivierung und Betreuung von Arbeitslosengeld II-Empfängern ausbauen sollen.

Update, 4. Januar 2009: Dieser Artikel spiegelt nicht mehr den aktuellen Stand der Gesetzgebung wieder. Wer sich über den Kindergeldzuschlag informieren möchte, kann das hier tun. Hier findet sich ein Online-Rechner, mit dem man einen eventuellen Anspruch ausrechnen kann.

Bittere Armut im öffentlichen Dienst

Freitag, 14. März 2008

Hartz IV für Staatsdiener“, titelt heute die “Süddeutsche Zeitung”. Berichtet wird von einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion. Deren Abgeordnete Zimmermann wollte wissen, wie viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen sind (”Aufstocker”). Die Antwort des Innenministeriums: Rund 130.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zzgl. knapp 54.000 geringfügig Beschäftigter. “Skandal!”, ruft die Linke und fordert, “der Agenda 2010 komplett abzuschwören”.

Dazu wäre erstens zu sagen, dass in der Antwort der Bundesregierung keineswegs die Zahl der Aufstocker im öffentlichen Dienst angegeben wird. Vielmehr handelt es sich um die Aufstocker in den Wirtschaftszweigen 75 (Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung), 80 (Erziehung und Unterricht), 85 (Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen) und 90 (Abwasser- und Abfallbeseitigung und sonstige Entsorgung). Eine Systematik, die zeigt, was sich dahinter verbirgt, findet sich hier.

Dabei stellt man fest, dass z.B. der Wirtschaftszweig “Erziehung und Unterricht” auch Fahr- und Segelschulen umfasst. Die Behauptung der “Süddeutschen”, bei den 33.000 Aufstockern in diesem Wirtschaftszweig würde es sich um “Lehrer” handeln, wäre aber ohnedies schlicht falsch und irreführend. Es handelt sich um eine Klassifizierung der Beschäftigung nach Branche, nicht nach Beruf. Das heißt, auch der Hausmeistergehilfe an der Schule, die Schulsekretärin, die Putzfrau und auch die Putzfrau der Fahrschule um die Ecke werden mitgezählt - zumindest soweit sie von der Schule selbst beschäftigt werden. Von Hungerlöhnen für Lehrer im öffentlichen Dienst hört man deshalb so wenig, weil es sie nicht gibt.

Was die Linksfraktion bei ihrer Schlussfolgerung zweitens “übersehen” hat, ist die Frage, warum jemand - im öffentlichen Dienst oder anderswo - auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen sein könnte. In den seltensten Fällen ist dies wegen niedriger Stundenlöhne der Fall. Zwei Drittel der Aufstocker arbeiten nur Teilzeit, würden also auch bei höheren Stundenlöhnen auf ergänzendes ALG II angewiesen sein. Von den knapp 400.000 Vollzeitbeschäftigten leben 80 Prozent in größeren Haushalten. Auch hier wäre noch bei Löhnen jenseits von 9 Euro ein Anspruch auf ergänzendes ALG II vorhanden.

Nur 85.000 Aufstocker sind alleinstehend und vollzeitbeschäftigt. Bei diesem Personenkreis muss davon ausgegangen werden, dass die Bedürftigkeit aufgrund niedriger Stundenlöhne entstanden ist. Diese Gruppe ist allerdings in den seltensten Fällen dauerhaft auf Hilfe angewiesen.

Armutsinflation

Dienstag, 4. März 2008

Glaubt man manchen Studien, hat sich die Armut in Deutschland scheinbar zunehmend zu einem Mittelschichtphänomen entwickelt. Aber das liegt keineswegs nur an einer stärkeren Einkommensspreizung, sondern möglicherweise auch am inflationären Charakter der Armutsdefinitionen.

Was Armut ist, wird nirgends verbindlich definiert. Jeder kann seine eigene Definition von Armut verwenden. Im ersten Armutsbericht der Bundesregierung wurden verschiedene Armutsgrenzen errechnet, nämlich bei 50 und 60 Prozent des Medianeinkommens. Im zweiten Armutsbericht der Bundesregierung war dann die 50-Prozent Grenze weggefallen und es wurde nur noch das 60-Prozent-Kriterium angewandt. Eine neue Studie des DIW definiert eine “armutsgefährdete” Schicht unterhalb von 70 Prozent des Medianeinkommens. Diese so definierte Grenze liegt bei immerhin rund 950 Euro netto für einen Alleinstehenden, eine Familie mit 2 Kindern gilt ab ca. 2.000 Euro netto als armutsgefährdet.

Eine noch andere Abgrenzung verwenden manche Forscher bei der Ermittlung von Niedriglöhnen, die häufig bei 67 Prozent des Medianlohns angesetzt werden. Das Einkommen (eines Haushaltes) und der Lohn (eines Indiviuums) sind zwar unterschiedliche Dinge, es ist aber unmittelbar nicht einsehbar, warum ein Prekaritätsmerkmal einmal bei 60 Prozent (bei der Einkommensarmut), ein andernmal aber 67 Prozent des Durchschnitts (bei der Lohnarmut) definiert wird. Auch die Armutslohndefinition ist offenkundig starker Inflation unterworfen. Das - neoliberaler Umtriebe sicherlich unverdächtige - Wissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) definierte ihn noch 2003 bei nur 50 Prozent des Medianlohns.

Der Riss in der Gesellschaft

Samstag, 29. Dezember 2007

..und noch ein Kommentar aus dem Tagesspiegel zur Lage der Gesellschaft, diesmal von Gerd Appenzeller. Seine These lautet zusammengefasst etwa so: Früher gab es den rheinischen Kapitalismus. Da ging es gerecht zu, weil die Reichen den Armen etwas abegeben mussten. Zwar waren die Steuern und Abgaben hoch, aber dafür konnte garantiert werden, dass keiner in Armut lebe. Das sei nun alles nicht mehr so, denn erstens gibt es die Globalsierung und zweitens auf der einen Seite die Managergehälter und auf der anderen Seite die stagnierenden Löhne - aber die Steuern und Abgaben sind nicht niedriger geworden. Demzufolge sind die Menschen enttäuscht und bezweifeln, dass es noch soziale Gerechtigkeit gebe.

Nun ist es aber so, dass sich an dem Niveau der sozialen Grundsicherung in Deutschland relativ wenig geändert hat. Vor Hartz IV gab es die Sozialhilfe, die aber keineswegs großzügiger ausgestattet war. Im Gegenteil: wer Sozialhilfe bezog, musste damit rechnen dass seine Angehörigen unterhaltspflichtig waren und die “Hilfe” zurückzahlen mussten. Neu ist allenfalls, dass die Hilfeempfänger nicht mehr in jedem Fall von den Behörden in Ruhe gelassen werden, sondern hin und wieder mit Angeboten (sei es für reguläre Arbeit, sei es für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen) vorstellig werden. Was daran sozial ungerecht ist, vermag ich nicht zu erkennen. Deutlich verbessert wurden dagegen die Möglichkeiten, Erwerbseinkommen mit Transfers zu kombinieren. Kinderlosen wurde in der Sozialhilfe alles Einkommen über 173 Euro netto von der Sozialhilfe komplett wieder abgezogen. Ob man 600 Euro verdiente oder 900 machte gar keinen Unterschied - das verfügbare Einkommen blieb gleich. Im Arbeitslosengeld II beträgt der Erwerbsfreibetrag maximal 280 Euro. Und ein höherer Bruttoverdienst resultiert fast immer in mehr verfügbarem Einkommen. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, dass sich berufliches Engagement überhaupt lohnt. Auch dies ist kein Kennzeichen sozialer Ungerechtigkeit. Auch an anderer Stelle war der Sozialstaat im “rheinischen Kapitalismus” keineswegs so paradiesisch, wie das manch einer meint in Erinnerung zu haben. Vor 1985 etwa gab es eine einheitliche Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes von 12 Monaten. Keine Ausnahmen für Ältere oder langjährig Versicherte. Freilich gab es noch zu Beginn der 80er Jahre auch keine nennenswerte Arbeitslosigkeit. Die verfestigte sich erst, als die sozialen Leistungen ausgeweitet worden waren. Vielleicht gibt es da ja einen Zusammenhang.

Es gibt keinen neuen Riss in der Gesellschaft seit der vermeintlichen Abkehr vom rheinischen Kapitalismus. Vielmehr war schon der rheinische Kapitalismus von einer ganzen Anzahl gesellschaftlicher Risse gekennzeichnet: zwischen arm und reich, jung und alt, Stadt- und Landbewohner, Westfale und Bayer usw. Wer glaubt, die Marktwirtschaft sei nicht mehr so sozial wie früher, möge das an konkreten Entwicklungen belegen. Mein Eindruck ist eher ein gegenteiliger: unsere Marktwirtschaft wird immer sozialer. Ob es dadurch auch immer gerechter zugeht, ist eine andere Frage.