Viel Lärm um 1,7 Prozent

“Wenn der Job nicht zum Leben reicht”, betitelt die “Süddeutsche Zeitung” einen Bericht über Arbeitnehmer, die zur Deckung ihres Bedarfes zusätzlich zu ihrem Erwerbseinkommen ergänzendes ALG II beziehen (sogenannte Aufstocker).

Immerhin ist man schon einen Schritt weiter und mutmaßt nicht gleich wie früher bei allen Aufstockern, dass sie aufgrund niedriger Löhne ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Die meisten Aufstocker, so ist nun auch in der SZ zu lesen, stocken nicht ihren niedrigen Lohn auf, sondern verdienen sich zum ALG II in geringem Umfang etwas hinzu, ganz überwiegend durch Mini-Jobs und Teilzeitarbeit.

Gleichwohl gibt es auch rund 380.000 Arbeitnehmer, die mutmaßlich vollzeitbeschäftigt sind und dennoch ergänzende Hartz IV-Leistungen beziehen. Nun sind 380.000 nicht übermäßig viel - genau 1,7 Prozent der über 22 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten. Und selbst bei diesen ist keineswegs ausgemacht, dass sie ihr Einkommen wegen niedriger Löhne aufstocken müssen. Eine Familie mit 2 Kindern etwa hat einen monatlichen Bedarf von etwa 1.550 Euro. Um dies als Alleinverdiener zu erwirtschaften, wird ein Nettoeinkommen von ca. 1.240 Euro benötigt - die restlichen 308 Euro kommen durch das Kindergeld rein. Für dieses Nettoeinkommen braucht es - bei Steuerklasse 3 - rund 1.600 Euro brutto. Bei einer 39-Stunden-Woche sind das 9,40 Euro Bruttostundenlohn. Das ist ungefähr der Lohn, den ein Bäcker erhält und deutlich mehr, als ein Fleischer in Ostdeutschland verdient. Mit anderen Worten: Bei einem großen Haushalt muss man kein Niedriglohnempfänger sein, um Anspruch auf ergänzendes ALG II zu haben.

Wer wie die Gewerkschaften wegen wachsender “Armut trotz Arbeit” Alarm schlagen will, muss zunächst einmal untersuchen, welche Stundenlöhne die Aufstocker überhaupt beziehen. Aber selbst dann ist fraglich, inwieweit steigende Zahlen von Aufstockern Anzeichen eines sozialen oder gar arbeitsmarktpolitischen Problems sind. Die Hartz IV-Reform ist unter anderem deshalb gemacht worden, damit Menschen mit wenig Qualifikationen und dementsprechend geringen Lohnerwartungen eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt finden können. Es ist besser - so die damalige Überlegung - wenn sie wenigstens einen Teil ihres Bedarfes selbst verdienen, statt vollständig von der Stütze zu leben. Die Idee ging auf.

Steigende Aufstockerzahlen sind Beleg für die Wirksamkeit der Hartz IV-Reform. Diese gewollte Entwicklung nun in ein soziales Problem umzuinterpretieren, ist absurd. Die Alternative ist ja nicht, dass die Aufstocker in Mindestlohnjobs ihre Familien ernähren können. Die Alternative ist, dass sie arbeitslos bleiben und ausschließlich von Hartz IV leben. Wenn alle Aufstocker ihre Jobs verlieren würden, wäre das Problem nach Lesart der Gewerkschaften gelöst. Denn dann hätte jeder genug Lohn, um davon leben zu können.

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