Tarif-Sockeleien

In den letzten Jahren häufen sich wieder Forderungen der Gewerkschaften in Tarifverhandlungen, einen absoluten Mindestbetrag als Lohnerhöhung vorzusehen. Zum Beispiel “8 Prozent, aber mindestens 200 Euro “, “7 Prozent, aber mindestens 150 Euro” oder “6 Prozent, aber mindestens 120 Euro“. Was für Folgen hat die Festlegung solcher Sockelbeträge?

Zunächst klingt die Forderung wie eine gute Nachricht für die Geringverdiener. Wer als Hilfsarbeiter 1.500 Euro im Monat verdient, dem brächte eine 7-prozentige Lohnerhöhung 105 Euro. Ein Mindestbetrag von 150 Euro entspräche dagegen einer Erhöhung um 10 Prozent. Der Tarifsockel trägt somit dazu bei, dass die Löhne der unteren Tarifgruppen überproportional ansteigen. Die Gewerkschaften wollen damit erreichen, dass die Löhne gleicher verteilt werden - eine ideologische Programmatik.

Selten wird dabei jedoch berücksichtigt, dass die Unternehmen auf solche Änderungen der relativen Löhne ökonomisch vorhersehbar reagieren. Einfache Tätigkeiten, die häufig in den unteren Tarifgruppen ausgeübt werden, können leichter als komplexe Tätigkeiten durch Maschinen ausgeführt werden. Die überproportionale Preissteigerung für einfache Arbeit trägt dazu bei, dass eine Rentabilitätsprüfung häufiger zugunsten der Maschine und seltener zugunsten menschlicher Arbeit ausfällt.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die Tätigkeit - soweit möglich - in Länder mit geringeren Lohnkosten verlegt wird. Oder die Herstellung von Produkten, die den Einsatz einfacher Tätigkeiten erfordern, wird gänzlich ins Ausland verlagert und die Güter werden von dort importiert. Tätigkeiten, bei denen die Verlagerung nicht möglich ist (z.B. persönliche Dienstleistungen) verschwinden oder wandern in die Schattenwirtschaft. In letzter Zeit hat sich noch ein weiterer Kompensationsmechanismus etabliert: Einfache Tätigkeiten werden an spezialisierte Unternehmen outgesourct, die nicht dem Tarifvertrag unterliegen. Das Wachstum der Zeitarbeit ist dafür illustrativ. Schon die Hälfte der Hilfsarbeiten im verarbeitenden Gewerbe wird über die Zeitarbeit abgewickelt.

Die von den Gewerkschaften mit ihrer Sockel-Forderung beglückten Niedrigverdiener bezahlen die Ideologie ihrer Funktionäre langfristig mit ihren Arbeitsplätzen. Mit Glück finden sie diesen in spezialisierten Branchen wie der Zeitarbeit, dem Bewachungs- oder Gebäudereinigungsgewerbe wieder, bevor ihm auf dem Wege allgemeinverbindlicher Mindestlöhne endgültig der Garaus gemacht wird.

Ein Kommentar zu “Tarif-Sockeleien”

  1. Kurz nachgedacht » Öffentlicher Dienst erzielt 3 Prozent + 40 Euro sagt:

    […] der Sprung ausfallen sollen, wäre es nach dem Willen der Gewerkschaft Verdi gegangen. Mit einem Verhandlungsziel von 200 Euro pro Beschäftigtem und 8 Prozent mehr Gehalt war die Gewerkschaft in die Tarifverhandlungen gegangen und auf viel […]

Einen Kommentar verfassen