Armes Europa? Armes Deutschland!

Deutschlands Arbeitslose sind die ärmsten. Zumindest ist ihre Armutsgefährdungsquote einiges höher als in anderen europäischen Ländern. Davon hat der DGB Wind bekommen und sogleich messerscharf geschlossen, dass es daran liegt, dass die Leistungen für Arbeitslose in Deutschland (zu) niedrig seien und überdies das Arbeitslosengeld nicht lang genug gezahlt wird. Dagegen hilft nur, die Bezugsdauer zu verlängern und natürlich - diese Erkenntnis verdanken wir der knallharten Recherche der “Frankfurter Rundschau” - der Mindestlohn.

Das klingt vielleicht plausibel, ist es aber nicht. Denn internationale Vergleiche zeigen, dass das Absicherungsniveau für Arbeitslose in Deutschland auf recht hohem Niveau liegt. Jedenfalls höher als beispielsweise in Großbritannien, wo gleichwohl die Armutsquote der Arbeitslosen mit 47 Prozent deutlich unter der in Deutschland (70 Prozent) liegt. Es muss also andere Erklärungen geben.

Eine naheliegende Erklärung liegt in der Struktur der Arbeitslosigkeit. In Deutschland ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen mit 47 Prozent wesentlich höher als in anderen europäischen Ländern. Großbritannien - um bei dem Beispiel zu bleiben - kommt nur auf 33 Prozent. Wer aber schon lange arbeitslos ist, der ist in der Regel auf die niedrigeren Leistungen der staatlichen Grundsicherung angewiesen und hat keinen Anspruch mehr auf die höheren Leistungen der Arbeitslosenversicherung.

Eine zweite Erklärung liegt in den unterschiedlichen Haushaltsstrukturen. Als arm gilt, wessen (mit der Haushaltsgröße gewichtetes) Haushaltsnettoeinkommen einen bestimmten Schwellenwert unterschreitet. Für das Haushaltsnettoeinkommen ist aber nicht nur das eigene Einkommen von Belang, sondern auch die Einkommen von Partnern. Deutschlands Arme weisen die Besonderheit auf, dass sie häufiger als ihre europäischen Leidensgenossen keine Partner haben, sondern alleinstehend sind. Während in Deutschland 38 Prozent der Armen Singles sind, beträgt der Anteil in Großbritannien nur 21 Prozent. Daraus lässt sich die These ableiten, dass Arbeitslose in anderen europäischen Ländern dank der Einkommen ihrer Partner über die Armutsschwelle hinwegkommen, während deutschen Arbeitslosen dieser Partner fehlt.

Die von der Gewerkschaft vorgeschlagene Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes wäre so ziemlich das Schlimmste, was man machen könnte. Schon seit Jahrzehnten weiß die Arbeitsmarktforschung, dass eine lange Bezugsdauer von Leistungen eine Verlängerung der individuellen Dauer der Arbeitslosigkeit bewirkt. Der Langzeitarbeitslosigkeit wird somit Vorschub geleistet und damit jedes Problem befeuert, aufgrund dessen die Maßnahme eigentlich ergriffen worden ist.

5 Kommentare zu “Armes Europa? Armes Deutschland!”

  1. Muriel sagt:

    Besonders der Mindestlohn ist eine niedliche Idee.
    Ganz offensichtlich, dass das Errichten weiterer Hürden vor dem Einstieg in den Arbeitsmarkt eine enorme Hilfe für Arbeitslose ist…

  2. Rayson sagt:

    Komisch, warum habe ich nur auf diesen Beitrag gewartet? ;-)

    Meine erste Erklärung war übrigens noch eine andere, die zu den hier gegebenen aber nicht im Widerspruch steht, sondern sie im Gegenteil noch ergänzt:

    Gerade dadurch, dass sich die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren verringert hat (Erfolg!), ist es um so wahrscheinlicher, dass in der Arbeitslosigkeit nur noch jene verbleiben, die am schwierigsten zu vermitteln sind, und das sind dann eben (leider) Langzeitarbeitslose und Alleinerziehende. Der Mix ändert sich also hin zu Beziehern eher niedriger Lohnersatzleistungen.

    Und: Wenn Langzeitarbeitslose, die wieder einen neuen Job fanden, diesen innerhalb eines Jahres wieder verlieren (die Zahl dieser Fälle muss gestiegen sein, weil auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen gestiegen ist, die Jobs fanden), dann fallen sie eben auch gleich wieder in ALG II zurück (was ebenfalls ein Fakt war, der zwecks Empörung erwähnt wurde).

  3. Rayson sagt:

    Btw: Der Server geht eine Stunde vor ;-)

  4. admin sagt:

    Richtig, Rayson, die Struktur der Arbeitslosen hat sich im Zuge der Verringerung der Arbeitslosigkeit stark in Richtung SGB II-Arbeitslose verschoben. Das wird wohl eine Rolle spielen. Wir hatten allerdings auch schon früher eine im internationalen Vergleich sehr hohe Langzeitarbeitslosigkeit.

    Danke für den Hinweis mit dem Server, jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie man das ändert :-)

    Holger

  5. admin sagt:

    Was der Mindestlohn an dieser Stelle helfen soll, ist mir auch schleierhaft. Die Erwartung ist wohl: mehr Lohn –> höheres ALG –> weniger arme Arbeitslose. Allerdings würde sich ja auch die Armutsgrenze nach oben verschieben, vielleicht gibts dann sogar mehr Arme..

Einen Kommentar verfassen