Pflegenotstand

Der Berufsverband der Pflegeberufe fordert gemeinsam mit verdi einen Mindestlohn für Pflegeberufe. Der Verband fürchtet um die Attraktivität seines Berufsstandes. Womöglich könne man junge, qualifizierte Menschen für den Pflegeberuf nicht mehr gewinnen. Viele Pflegedienste würden aber nur 7 Euro in der Stunde zahlen, man fordert daher “deutlich mehr als 9 Euro”. Außerdem seien in den letzten 12 Jahren 48.000 Pflegestellen abgebaut worden, was zu Lasten der Patienten gehe, die nicht mehr adäquat versorgt werden können. Letztlich gebe es einen ruinösen Wettbewerb auf dem Pflegemarkt, der ebenfalls zu Lasten der Patienten geht.

Hm. Was ist jetzt genau das Problem? Dass der Pflegeberuf nicht mehr attraktiv genug ist und der Nachwuchs fehlt? Oder dass Stellen abgebaut worden sind? Oder dass es Wettbewerb gibt? Oder alles zusammen? Und wieso ist ein Mindestlohn die Lösung für alle drei Probleme? Mal sehen..

  1. Wenn es Probleme gibt, Arbeitskräfte im Pflegesektor zu rekrutieren, kann ein höherer Lohn in der Tat helfen. Zweifellos wird die Tätigkeit mit höherem Lohn attraktiver. Aber warum sollte der Staat die Pflegeunternehmen zu ihrem Glück zwingen müssen? Wenn Arbeitskräfte gesucht und nicht gefunden werden, würden die Arbeitgeber doch von ganz allein den Lohn erhöhen.
  2. Vielleicht hat ja die Lohnhöhe auch etwas mit der Beschäftigtenentwicklung zu tun. Kann man auf der einen Seite einen Mindestlohn fordern und auf der anderen Seite beklagen, dass Stellen abgebaut werden? Kann man schon, logisch ist das aber nicht. Davon abgesehen erscheint die Geschichte von den 48.000 abgebauten Stellen ein wenig merkwürdig. Gemäß Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist von 1999 bis 2007 die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Krankenschwestern und -pfleger um 41.000 gestiegen. Bei Krankenpflegehelfern gab es einen Zuwachs um 25.000, Sozialarbeiter und -pfleger legten sogar um 101.000 zu. Und das alles in einem Zeitraum, in dem die gesamte Beschäftigung um 630.000 zurückging. Da ist von Arbeitskräftemangel oder Stellenabbau wenig zu sehen.
  3. Wenn der Wettbewerb dazu führt, dass die Pflegeleistungen unakzeptable Qualitätseinbußen erleiden, muss man in der Tat über eine Regulierung des Wettbewerbs nachdenken. Dazu wäre indes erst einmal der Nachweis zu führen, dass es solche systematischen Qualitätsprobleme gibt. Wenn dem so ist, kann man überlegen, welche Regulierung sinnvoll ist. Ein Mindestlohn erscheint nicht unbedingt als die beste Lösung, da allenfalls die Hoffnung auf einen indirekten Effekt besteht. Ausgeblendet wird zudem, dass höhere Lohnkosten zu Stellenabbau und damit zu noch größeren Qualitätsproblemen führen können. Wirksamer erscheint eher die direkte Festlegung von Qualitätsstandards, die ein Anbieter erreichen muss.

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