Irrungen und Wirrungen: Was ist ein Niedriglohn?

Der Niedriglohnsektor wird kontrovers diskutiert. Dabei wird häufig übersehen, dass mitunter ganz unterschiedliche Definitionen des Begriffs Niedriglohn in Gebrauch sind. Daraus erklären sich so einige Ungereimtheiten.

Eine Möglichkeit der Definition, von der das Statistische Bundesamt unlängst Gebrauch gemacht hat, ist die Festlegung einer festen Grenze - im fraglichen Fall von 8,50 Euro brutto pro Stunde. Demnach verdienen 11 Prozent der Beschäftigten unter dieser Grenze. Datenquelle ist die Verdienststrukturerhebung, eine Stichprobe von über 30.000 Betrieben.  Dabei konnte das Bundesamt nur Arbeitnehmer in Betrieben mit 10 und mehr Beschäftigten betrachten - eine nicht ganz unwesentliche Einschränkung.

Eine gebräuchlichere Definition ist, einen Bruttostundenlohn von unter 2/3 des Medianstundenlohns als ein Niedriglohn anzusehen. Diese relative Grenze lag 2010 bei rund 9 Euro brutto pro Stunde, was zu einem Niedriglohnanteil von gut 20 Prozent führt. Diesen Schätzungen liegt das “Sozio-ökonomische Panel” zugrunde, eine jährliche Befragung von rund 20.000 Personen. Grundlage sind alle abhängig Erwerbstätigen (ohne Auszubildende), d.h. einschließlich der Mini-Jobber, die besonders häufig zu einem Niedriglohn arbeiten.

Die gleiche Definition, aber einen völlig anderen Berichtskreis wendet die Bundesagentur für Arbeit an. Sie verwendet als Datenquelle die Beschäftigtenstatistik, ein Register aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Das hat den Vorteil, dass man nicht mit einer Stichprobe rechnen muss. Die Beschäftigtenstatistik hat aber auch gewichtige Nachteile: Erstens umfasst sie nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, also keine Beamte und keine Mini-Jobber. Damit fällt ein wichtiges Niedriglohnsegment vollkommen aus der Betrachtung heraus.

Zweitens werden in der Beschäftigtenstatistik keine Arbeitszeiten erfasst. Die Arbeitgeber, auf deren Meldungen zur Sozialversicherung die Statistik basiert, unterscheiden nur grob zwischen Voll- und Teilzeitbeschäftigten. Mangels Angaben über die Arbeitszeit lassen sich mit der Beschäftigtenstatistik keine Stundenlöhne berechnen. Damit ist sie für Analysen zum Niedriglohnsektor - dessen Definition auf einer Stundenlohngrenze beruht - weitgehend ungeeignet.

Forscher, die dennoch mit der Beschäftigtenstatistik rechnen wollen, behelfen sich mit einem Trick: Sie betrachten nur die Vollzeitbeschäftigten - unter der reichlich gewagten Annahme, dass diese ungefähr die gleichen Arbeitszeiten haben. Wenn man aber nur die sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten betrachtet, beschränkt man seinen Berichtskreis auf ein Segment, in dem typischerweise recht hohe Löhne gezahlt werden.

Dementsprechend hoch ist die Niedriglohngrenze von 2/3 des mittleren Lohns, wobei man sich mangels Informationen zum Stundenlohn auf den Bruttomonatslohn fokussiert. Die liegt nämlich bei 1.802 Euro brutto pro Monat. Da kann man schon mal hinterfragen, ob so ein Lohn noch mit Fug und Recht als Niedriglohn bezeichnet werden kann. Immerhin resultiert daraus bei einer 39-Stunden-Woche ein Stundenlohn von 10,70 Euro!

Entlarvend ist  in diesem Kontext die Ahnungslosigkeit des “Linken-Chefs” Bernd Riexinger, der reflexartig und beflissen über Ausbeutung und Mindestlohn fabulierte. Was er wohl nicht bemerkt hat: Selbst der von den Linken geforderte Mindestlohn von 10 Euro brutto in der Stunde würde nicht reichen, um die von der Bundesagentur nach oben gerechnete Niedriglohnschwelle zu überschreiten.

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