Schreckgespenst Zeitarbeit

Zeitarbeit, oder - wie sie von ihren Gegnern gern genannt wird - Leiharbeit steht im Fadenkreuz der Gewerkschaften, insbesondere der IG Metall. Die vorgebrachten Argumente sind in der Regel aber wenig stichhaltig. Tatsächlich unterscheidet sich Zeitarbeit kaum von einer Beschäftigung in einer anderen Branche.

Zeitarbeit wird gern als prekäre Beschäftigung klassifiziert. Unklar ist aber überwiegend, aufgrund welcher Kriterien diese Klassifizierung erfolgt. Ein”Normalarbeitsverhältnis” wird in der Literatur meist als unbefristetes, abhängiges und sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis in Vollzeit definiert. Mitunter werden noch ein existenzsicherndes Einkommen und Mitbestimmungsrechte eingefordert. Viele Zeitarbeitsverhältnisse erfüllen diese Kriterien, woraufhin gewerkschaftsnahe Autoren dazu neigen, Zeitarbeit per se als prekär einzustufen.

Aber was genau ist denn prekär an der Zeitarbeit? Sicher gibt es auch in der Zeitarbeit befristete Beschäftigungsverhältnisse. Zeitarbeit unterliegt aber den gleichen Regeln des Teilzeit- und Befristungsgesetzes wie andere Branchen. Daraus geht z.B. hervor, dass eine sachgrundlose Befristung maximal bis zu 2 Jahren und nur bei Neueinstellungen möglich ist. Zeitarbeit ist kein sachlicher Grund, der eine Befristung rechtfertigen würde. Die Befristung des Arbeitsvertrages für die Überlassungsdauer ist somit zwar zunächst möglich, aber danach kann der Arbeitnehmer nicht erneut befristet beschäftigt werden.

Oft wird vorgebracht, dass Zeitarbeitnehmer für die gleiche Arbeit weniger Geld erhalten. Es trifft zu, dass die Tariflöhne in den Branchen der Kundenunternehmen meist höher sind als in der Zeitarbeit. Allerdings kann ein Arbeitnehmer, der vorübergehend in einem Kundenunternehmen tätig ist, nicht mit einem Arbeitnehmer der Stammbelegschaft gleichgesetzt werden. Der Stammarbeitnehmer ist in der Regel länger im Betrieb, kennt die Arbeitsabläufe besser und wird daher auch eine höhere Produktivität aufweisen. Die Hälfte der Zeitarbeitnehmer ist dagegen weniger als 3 Monate in der Zeitarbeit - entsprechend kurz sind die Einsatzzeiten in den Kundenunternehmen.

Dass Zeitarbeitnehmer im Durchschnitt weniger verdienen als Arbeitnehmer anderer Branchen und auch häufiger auf ergänzende Transferleistungen angewiesen sind, erklärt sich aus der Tätigkeitsstruktur. 34 Prozent der Zeitarbeitnehmer sind Hilfsarbeiter. Die Branche ist eine der wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten für Geringqualifizierte. Ein unterdurchschnittliches Lohnniveau ist da zwangsläufig.

Die Tarifbindung in der Zeitarbeit dürfte aufgrund der Vorschriften des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes, die einen faktischen Tarifzwang herbeiführen, bei nahezu 100 Prozent liegen. Es gibt wohl kaum eine Branche, wo der Anteil der tarifgebundenen Arbeitnehmer höher ist. Die Tarife sind geringer als im verarbeitenden Gewerbe, aber für eine Dienstleistungsbranche nicht unterdurchschnittlich. Teilweise zahlt der öffentliche Dienst niedrigere Löhne.

Es bleibt mithin weiterhin klärungsbedürftig, warum bei der Zeitarbeit von einem prekären Beschäftigungsverhältnis auszugehen sei. Es drängt sich eine ganz andere Erklärung für die gewerkschaftliche Offensive auf: Zeitarbeitnehmer sind selten Mitglied einer Gewerkschaft - und wenn, dann nicht bei der IG Metall. Da macht es nichts, wenn die Branche mit Regulierungen erdrosselt würde.

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