Ist der Jugendwahn der Unternehmen vorbei, oder hat es ihn nie gegeben?

Die Arbeitsmarktprobleme Älterer sind unbestreitbar. Die Arbeitslosenquote der Personen über 55 Jahren liegt deutlich über der Arbeitslosenquote jüngerer Altersgruppen. Daraus wurde häufig der Schluss gezogen, dass deutsche Unternehmen einem Jugendwahn verfallen seien und Ältere diskriminieren würden. In den letzten Jahren aber hat sich die Arbeitsmarktlage der Älteren merklich verbessert. Ist der Jugendwahn schon wieder vorbei, oder gab es ihn vielleicht nie?

Ein wichtiger Stützpfeiler der “Jugendwahn”-Theorie war eine empirische Information, die ursprünglich aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kam: Danach beschäftigten 40 Prozent der deutschen Unternehmen keine Mitarbeiter über 50 Jahre. “Skandal!”, war die einhellige Reaktion von Gewerkschaften und Politik.

Aber was genau sagt uns diese Zahl? Dass der Anteil nicht 100 Prozent betragen kann, ergibt sich schon aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Knapp 26 Prozent der Erwerbspersonen sind über 50 Jahre alt. Mithin wäre zu erwarten, dass nur 26 Prozent der Betriebe mit genau einem Beschäftigten einen Mitarbeiter über 50 beschäftigen, 74 Prozent dagegen nicht. Dieser Anteil ergäbe sich allein aus der Wahrscheinlichkeit heraus und hat nichts mit Diskriminierung zu tun. Kleine Betriebe sind aber in Deutschland in der Mehrzahl: 80 Prozent beschäftigen weniger als 10 Mitarbeiter. Um zu beurteilen, ob der Anteil von 40 Prozent für alle Betriebe hoch oder niedrig ist, müsste man ihn mit dem Wert vergleichen, der sich aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung ergibt. Das ist leider nicht möglich, da man dafür eine Verteilung der Betriebe nach ihrer genauen Mitarbeiterzahl benötigt. Eine solche Verteilung gibt es aber nur nach Größenklassen, z.B. 10 bis 19 Beschäftigte. Ob der Anteil von 40 Prozent hoch oder niedrig ist, lässt sich mithin gar nicht objektiv beurteilen. Da außerdem keine Zeitreihe vorliegt, die die Entwicklung dieses Anteils abbilden könnte, sagt die Zahl überhaupt nichts aus.

Aber auch in anderer Hinsicht stand die Jugendwahn-Theorie auf schwachen Füßen. So kennen Ältere in vielen europäischen Nachbarländern die Arbeitsmarktprobleme der Älteren in Deutschland nicht. Hier ist häufig sogar die Arbeitslosenquote der Älteren niedriger als die jüngerer Altersgruppen. Um die Jugendwahn-These zu vertreten, müsste man also annehmen, dass nur deutsche und ausländische Unternehmen in Deutschland Ältere diskriminieren, ausländische und deutsche Unternehmen im Ausland dagegen nicht. Für eine solche Annahme fehlt jede vernünftige Begründung.

Weitaus plausibler ist die Vermutung, dass die Arbeitsmarktlage Älterer etwas mit den Rahmenbedingungen zu tun hat. Wenn - wie in Deutschland Jahrzehnte praktiziert - Ältere vom Arbeitsmarkt wegsubventioniert werden in der irrigen Hoffnung, dadurch Platz für Jüngere zu machen, braucht man sich nicht wundern, wenn auf solche Anreize reagiert wird. Wer 32 Monate Arbeitslosengeld kassieren kann, macht nun einmal weniger Konzessionen bei der Arbeitsuche als ein Arbeitsloser, der nach 12 Moanten von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe leben muss.

Zumindest die Rentenpolitik hat das Problem schon vor langer Zeit erkannt und entsprechend gehandelt. Mitte der 90er Jahre wurden Rentenreformen verabschiedet, mit denen z.B. das Rentenalter für Frauen angehoben wurde und die Abschläge für einen vorzeitigen Renteneintritt deutlich angehoben wurden. Auch die Bedingungen, zu denen man vorzeitig in den Ruhestand gehen kann, wurden verschärft.

Aufgrund langer Übergangsfristen wurden diese Reformen größtenteils erst zu Beginn des Jahrzehnts wirksam. Und siehe da, die Anreize wirken: Im Jahr 2000 waren noch 44 Prozent der Personen über 55 Jahren Erwerbspersonen, boten also ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt an. Im Jahr 2006 war der Anteil schon auf 55 Prozent angestiegen. Und es ist keineswegs der Fall, dass die Älteren, die aufgrund der Rentenreform nicht in Frührente gehen können, nunmehr arbeitslos sind. Denn der Anteil der Erwerbstätigen bei den Älteren ist ebenfalls gestiegen, von 37 auf 48 Prozent. Dementsprechend ist die Erwerbslosenquote der Personen von 55 bis 64 Jahren gesunken. Im Jahr 2000 betrug sie noch 15,6 Prozent, 2006 waren es nur noch 12,4 Prozent.

Vor diesem Hintergrund spricht einiges dafür, dass das deutsche Arbeitsmarktproblem Älterer hausgemacht ist. Falsche Anreize haben den frühzeitigen Renteneintritt attraktiv gemacht - für Arbeitnehmer, aber auch für Arbeitgeber. Wenn diese Fehlanreize korrigiert werden, spricht wenig dagegen, dass ältere Arbeitnehmer genauso erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt auftreten können wie jüngere.

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