Lohn- oder Verständnislücke?

Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer, so die Erkenntnis von Eurostat, die Anfang dieser Woche durch den Blätterwald rauschte. Und gleich setzten die üblichen Pawlowschen Reflexe ein. “Skandal”, rief etwa die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Und auch bei Grünen und Linken waren die Worte “Armutszeugnis”, “Zumutung” und “Ungleichheit” zu hören.

Offenkundig neigen die Kommentatorinnen der Eurostat-Zahl dazu, diese als Maß der Diskriminierung und Benachteiligung zu interpretieren. Dazu sollte man wissen, dass Eurostat den unbereinigten, empirisch beobachteten Lohnunterschied ausweist. Der wiederum sagt über Diskriminierung überhaupt nichts aus. Warum?

Der Lohn, den ein Arbeitnehmer erhält, richtet sich nach seiner individuellen Produktivität. Der Arbeitnehmer verdient das, was er zusätzlich dem Unternehmen an Wertschöpfung einbringt. Dies ist individuell in den meisten Fällen nicht direkt beobachtbar. Im Allgemeinen nimmt man aber an, dass die individuelle Produktivität mit dem Humankapital, also der Summe der individuellen Fähigkeiten und Kenntnisse, zusammenhängt. Darüber hinaus gibt es noch andere Faktoren, die den Lohn beeinflussen, z.B. die Frage ob man in Ost- oder Westdeutschland beschäftigt ist, ob man in einem großen oder kleinen Betrieb arbeitet usw.

Wenn man den Lohn von Arbeitnehmern vergleichen möchte, muss man Individuen mit vergleichbaren Eigenschaften heranziehen. Es wäre wenig sinnvoll, den Lohn eines Straßenfegers mit dem einer promovierten Informatikerin zu vergleichen. Eine Methode, mit der diese Vergleichbarkeit rechnerisch hergestellt werden kann, ist die Regression. Dabei wird die Höhe des Lohns mit einer Reihe von Einflußfaktoren empirisch geschätzt. Somit ist es möglich, rein zufällige von systematischen Einflüssen zu unterscheiden. Am Ende kann man zwei hypothetische Arbeitnehmer vergleichen, die hinsichtlich der Einflußfaktoren auf den Lohn völlig gleich sind und sich nur bezüglich des Geschlechts unterscheiden. Oder anders ausgedrückt, mit der Regression lassen sich alle anderen Einflußfaktoren außer dem Geschlecht rechnerisch ausschalten.

Wenn man diese Rechnung macht, bleibt immer noch ein Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen. Dieser ist aber viel kleiner als die 22 Prozent, die Eurostat ausweist. Das liegt z.B. daran, dass

  • Frauen im Durchschnitt weniger qualifiziert sind als Männer (das gilt nur noch für die älteren Kohorten),
  • Männer häufiger im verarbeitenden Gewerbe arbeiten, in dem höhere Löhne gezahlt werden,
  • Frauen eine deutlich geringere Betriebszugehörigkeitsdauer vorweisen, oder
  • Frauen bevorzugt Berufe ergreifen, die vergleichsweise gering bezahlt werden.

Wie hoch die verbleibende Differenz genau ist, unterschiedet sich je nach Studie recht deutlich. Wenn der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen debattiert wird, kann aber allenfalls die Lohnlücke diskutiert werden, die nach der Bereinigung um diese und andere Einflußfaktoren übrigbleibt. Das passiert in der öffentlichen Diskussion leider fast nie, wohl weil die Erklärung einerseits recht komplex ist und andererseits starke politische und gesellschaftliche Kräfte existieren, die an dem Ausweis einer möglichst großen Lohnlücke interessiert sind.

2 Kommentare zu “Lohn- oder Verständnislücke?”

  1. zeitcollector sagt:

    Gibt es keinen Vergleich, der auf wirklich vergleichbaren Grundlagen beruht? Ich war der Meinung, die haben z.B. einen Informatiker und eine Infromatikerin in gleicher Hierarchiestufe, mit gleicher Berufserfahrung und gleichem Arbeitsgebiet verglichen. Andernfalls wäre ja, wie Du schreibst, ein Vergleich wenig sinnvoll.

  2. admin sagt:

    Reale Arbeitnehmer sind halt nie hundertprozentig gleich. Mag sein, dass zwei Informatiker im gleichen Betrieb am gleichen Projekt arbeiten. Aber die Berufserfahrung ist dann meist unterschiedlich, oder der eine ist zeitlich flexibler als der andere. Das sind alles Faktoren, die sich auf die Produktivität und damit die Entlohnung auswirken. Eine hundertprozentige Vergleichbarkeit lässt sich nur rechnerisch herstellen.

Einen Kommentar verfassen